Anatol Schedlbauer – „Bio-Unternehmer Kulturportrait“

Unternehmer-Kulturportrait von Helene Walterskirchen:
Anatol Schedlbauer – zwischen Wirtschaft, Wissenschaft und Philosophie


Bio ist eine Philosophie, die sich in den vergangenen 50 Jahren vom kleinen Reformhaus, in dem hauptsächlich alte Menschen ihre Heilmittelchen einkauften, zu einer Wirtschafts- und Gesellschafts-Dimension entwickelt hat, die Supermarkt-Charakter hat. Die Bio-Philosophie hat sich dennoch in diesem Dimensionswechsel bewahrt.

Bio-Leute haben einen anderen „Mind“ und ein anderes Bewusstsein. In der Bio-Szene, wenn man sie denn so nennen darf, gibt es verschiedene Gruppen, insbesondere im Ernährungsbereich, beispielsweise die Nicht-Vegetarier, die Vegetarier, die Veganer, die Rohköstler. Bio-Leute sind in der Regel ökologiebewusst, umweltbewusst, gesundheitsbewusst und alternativ. Sie sehen den Menschen als Teil des großen kosmischen Gefüges, weshalb sie zumeist von wir sprechen und nicht von ich.

Anatol Schedlbauer, Jahrgang 1979, ist ein Bio-Mensch. Seine Eltern sind Bio-Leute. Seine Mutter, Petra Jung-Schedlbauer, ist eine Pionierin in der Bio-Szene, die viele Jahre lang in der Bio-Szene gearbeitet hat und im Jahr 2002 den Bio-Markt „Landmann’s“ in Landsberg am Lech, in der Augsburger Straße, gegründet hat.

Wir, meine Tochter und ich, sind ebenfalls Bio-Leute. So war es für uns etwas völlig Selbstverständliches, dass wir, als wir im Jahre 2011 nach Landsberg gezogen sind, zum Landmann’s gingen, um unsere Einkäufe zu tätigen (wir kaufen ca. 98 % unserer lebensnotwendigen Dinge im Bio-Markt, das war schon bei unserem früheren Wohnort der Fall).

Dabei blieb es nicht aus, dass wir die Geschäftsführer des Bio-Marktes kennen lernten. Bis 2014 führte Petra Jung-Schedlbauer den Bio-Markt; 2014 übernahm ihr ältester Sohn Anatol die Geschäftsführung. Er steht heute an der Spitze und führt ein Team von 60 Mitarbeitern.

Der hochgewachsene junge Mann mit dem offenen Blick machte auf mich, als ich ihn das erste Mal traf, einen bleibenden Eindruck. Es gibt Menschen, die man trifft, mit denen man sofort auf einer Welle schwimmt. Warum das so ist, weiß man nicht – es ist mit menschlichen Worten nicht zu erklären. Von Anfang an macht es klick – zwei Augenpaare treffen sich, schauen sich an, erkennen etwas aneinander, das ihnen vertraut vorkommt, das sie anspricht, das sie fasziniert, ohne jedoch zu wissen warum. Man spricht miteinander, ohne sich zu kennen, man reicht sich die Hand, ohne sich zu kennen, man freut sich am anderen, ohne sich zu kennen, man geht auseinander: mit einem Lächeln auf den Lippen, mit Freude im Herzen, man ist erfüllt, obwohl die Begegnung nur wenige Augenblicke gedauert hat. Gleiche Chemie, gleiche Philosophie, gleicher „Mind“ und doch ganz individuell.

In jedem Fall ein interessanter junger Mann, von dem ich gerne mehr wissen und den ich gerne mit Worten „malen“ wollte. Kunstmaler und Schriftsteller sind sich sehr ähnlich: beide versuchen, Impressionen oder Eingebungen zu Papier zu bringen, der eine mit Pinselstrichen, der andere mit Worten. Hat der Künstler einmal eine Eingebung, dann will er sie ausdrücken, zu Papier bringen, ja, letztlich materialisieren. Anatol Schedlbauer war so eine Eingebung, die seit längerer Zeit durch meinen „Mind“ gegeistert ist. Eingebungen oder Ideen können längere Zeit im „Mind“ sein, aber irgendwann wollen sie materialisiert werden. So ging es mir bei Anatol Schedlbauer. Deshalb war es nur eine natürliche Folgeerscheinung, dass ich ihn um ein persönliches Gespräch bat, dem er gerne zustimmte. Bald darauf fanden wir uns zu einem Gespräch zusammen.

Auf meine Frage, ob er sich als Geschäftsmann sieht, antwortet Anatol Schedlbauer: „Ich kann mich mit den Begriffen „Geschäftsmann“ und „Geschäft“ nicht so recht anfreunden. Wir Menschen wirken seit Jahrtausenden zusammen, um uns gegenseitig zu versorgen, allerdings nicht vom Geschäft oder vom Handel, sondern von der Kooperation. Deshalb sind wir in der Evolution auch so weit gekommen, wie dies heute der Fall ist. Wir sind soziale Wesen, das sichert unser Überleben und unsere Entwicklung. Kunst und Kultur konnten nur daraus erwachsen, dass unsere Grundbedürfnisse gesichert waren. Solange jemand ums Überleben kämpft, kann er sich nicht mit Kunst und Kultur befassen. So entstand die Notwendigkeit, zusammen zu agieren und zu wirken, damit wir alle unser Leben und Überleben sichern konnten. Für mich ist Wirtschaft Kooperation, ein Austausch, ein Zusammenwirken. Wenn wir jedoch die Wirtschaft von heute anschauen, so ist es zumeist Auseinandersetzung, Konkurrenz, Kampf und darin eingebettet sehr viel Gier, Gier nach Profit, aber auch nach Macht.“

Seine Begabung zu reden, beeindruckt mich. Seine Stimme ist markant, kräftig, ausdrucksstark. Das, was er sagt, liegt zwischen Wirtschaft, Wissenschaft und Philosophie – er zitiert gerne Philosophen und Wissenschaftler – von Michelangelo über Kopernikus bis hin zu Einstein: „Ich habe in den letzten Jahren gelernt, so manche Begriffe, die wir in unserer Alltagssprache benutzen, zu hinterfragen. Wir neigen dazu, bestimmte Begriffe gebetsmühlenartig wie ein Mantra zu verwenden, ohne dass wir uns Gedanken darüber machen, was sie wirklich bedeuten. So verwenden wir beispielsweise oft die Worte „Verbraucher“ oder „Verbrauch“ und glauben, es handele sich um positive Worte. Dabei sind es genaugenommen keine positiven Worte. Austauschen wäre ein schönes Wort oder auch zur Verfügung stellen – ein gegenseitiges Geben und Nehmen.“

Anatol Schedlbauer spricht gerne von Rollen, die wir alle im Leben spielen. „Ich spiele die Rolle des Geschäftsführers eines Bio-Marktes, aber sie ist nicht alles in meinem Leben. Natürlich muss ich die Erwartungen, die als Geschäftsführer an mich gestellt werden, erfüllen. Wenn ich das nicht tue, wird es etwas schwierig. Aber das bedeutet nicht, dass ich ganz mit dieser Rolle verschmelze und es nichts anderes mehr für mich gibt. Ich bin im klassischen Sinne Unternehmer, ja, aber ich bin auch Sportler, Philosoph, Künstler, Liebhaber, Mensch. Ich habe gelernt, dass ich aus einer Rolle auch aussteigen kann und in eine andere Rolle wechseln kann. Das gibt mir einerseits eine große Freiheit, andererseits auch die Möglichkeit, mich auf verschiedensten Gebieten weiterzuentwickeln und zu entfalten. Wenn ich nur die Rolle des Geschäftsführers spielen würde, wäre das auf die Dauer gesehen sehr eintönig und es ginge, genau genommen, ein Teil von mir verloren, der doch auch in mir ist und sich ausdrücken möchte.“

Auf meine Frage, was „Führung“ für ihn als Geschäftsführer eines erfolgreichen Bio-Marktes bedeutet, antwortet Anatol Schedlbauer: „Meine Mutter ist in diesem Punkt ein großes Vorbild für mich. Sie sagt: ‚Ein erfolgreicher Unternehmer ist einer, der sich jederzeit aus dem Unternehmen herausziehen kann. Wenn er nicht da ist und doch alles läuft, ist es ein Zeichen, dass er alles richtig gemacht hat‘. In meiner Philosophie des Führens geht es darum, dass sich meine Mitarbeiter selber führen. Heute Morgen beispielsweise, als in den Laden kam, war alles von meinen Mitarbeitern gemacht. Gute und langjährige Mitarbeiter brauchen nicht unbedingt einen Chef, der ihnen vorschreibt, was sie zu tun haben. Natürlich kommt es auch immer wieder mal zu Problemsituationen oder Konflikten. Aber auch da muss ich nicht als Chef unbedingt Lösungen schaffen. In meinem Führungsmodell ist es die Aufgabe der Mitarbeiter die Dinge selbst in die Hand zu nehmen und Lösungen herbei zu führen. Ich als Chef muss das aber auch zulassen und akzeptieren. Meine Erfahrung ist es, dass man Chef nicht dadurch wird, dass man alles weiß, sondern dass man andere führen kann, und zwar so führen, dass sie sich selber führen können. Wir alle spielen hier ‚Kaufladen‘ und wir alle wirken daran mit, dass dieses Spiel gut funktioniert. Das nennt man dann Erfolg.“

Muss ein Chef seinen Mitarbeitern nicht zeigen, wer im Geschäft die Macht hat, frage ich Anatol Schedlbauer und er antwortet: „Ich halte Macht für die gefährlichste aller Drogen. Geld ist ein Werkzeug der Macht. Die Gier nach Macht erzeugt Verlangen und den Wunsch, andere zu kontrollieren. Ein bekannter Philosoph hat einmal gesagt: ‚Menschen wollen nicht frei sein von Sklaverei, sondern sie wollen bessere Sklavenhalter sein‘ Wir alle sind bereit, vor jemandem, der uns glaubhaft macht, dass er Macht innehat, dass er notwendig ist und alles unter Kontrolle hat, auf die Knie zu fallen. Mein Werkzeug ist nicht die Kontrolle oder die Macht, sondern die Kommunikation. Solange die Menschen glauben, dass sie Führung und damit Macht und Kontrolle brauchen, kann sich nicht wirklich etwas in diesem System ändern. Deshalb ist es mir sehr wichtig, den Menschen bewusst zu machen, dass sie weder Macht noch Führung brauchen. In meinem Führungsmodell gebe ich den Menschen Strukturen, wie eine Art Gitternetz, nach denen sie arbeiten und in die sie sich einfügen können und in denen sie sich selbständig entfalten können. Wenn das alles gut funktioniert und ich mich aus dem täglichen Geschäftsablauf weitgehend herausnehmen kann, dann kommt das uns allen zugute.“

Anatol Schedlbauer spricht gerne davon, dass er mit seinen Mitarbeitern und den Kunden, die einkaufen, „Kaufladen“ spielt. „Wenn wir Kaufladen spielen, dann bin ich dafür, dass wir es richtig machen, mit Freude und Engagement, und dass wir alle einen Nutzen davon haben. Wir versorgen uns gegenseitig, wir befriedigen gegenseitig unsere Bedürfnisse, wir tauschen uns aus und agieren zusammen. Das ist für mich Handel – im Sinne einer Kooperation und nicht im Sinne eines reinen Kommerzes.“

 

Augsburgerstraße 74
D-86899 Landsberg am Lech
Email: landsberg@landmanns.de
www.landmanns-landsberg.de

 

 

Anatol Schedlbauer und sein jüngerer Bruder Manuel in ihrem Bio-Markt Landmann‘s