Ernährungs-Kultur: Stoffwechseltypen und Nutrigenetik

von Alexandra Walterskirchen:
Ernährungs-Kultur: Stoffwechseltypen und Nutrigenetik


Jeder Mensch möchte sich mit seiner Ernährung nicht nur satt essen, sondern sich auch etwas Gutes tun. Leider gelingt dies oft nicht, so dass allerlei Problemen wie Übergewicht oder Untergewicht, Magen- und Darm-Probleme, Verdauungsprobleme, Unwohlsein, Müdigkeit, aber auch Diabetes, Allergien usw. entstehen.
In meinen langjährigen autodidaktischen Studien zum Thema „Ernährung“ habe ich mich auf die Suche nach der „idealen“, „gesunden“ Ernährung gemacht. In diesem Zusammenhang bin ich auf sehr interessante Zusammenhänge gestoßen, so dass ich heute auf ein Thema eingehen möchte, nämlich die unterschiedlichen Stoffwechseltypen und die Gene, welche entscheiden, ob ein Mensch Kohlenhydrate, Proteine oder Fette gut verstoffwechselt oder nicht. Der relativ junge Forschungssektor der Nutrigenetik liefert hier wichtige Erkenntnisse.

Momentan gibt es im Ernährungs- und Diäten-Sektor zwei große Gruppen:

1. Die High-Carb- bzw. Low-Fat-Liga, die den Verzehr von vielen Kohlenhydraten und wenig Fetten empfiehlt.
2. Die Low-Carb- bzw. High-Fat- oder High-Protein-Liga, die Kohlenhydrate verbannt und stattdessen eine große Zufuhr an Fetten oder Proteinen vorgibt.

Beide Gruppen und ihre Anhänger stehen sich oft feindlich gegenüber, denn jeder sieht seine Ernährungsweise als die einzig Richtige an und glaubt, der andere würde durch seine falsche Ernährung seine Gesundheit ruinieren. Ich wage zu behaupten, dass ich nahezu alle deutschen und englischsprachigen Bücher, die es dazu auf dem Markt gibt, gelesen habe. Mein Fazit ist: Sowohl die Argumente von High-Carb bzw. Low-Fat-Ärzten als auch die Argumente von Low-Carb- bzw. High-Fat- und High-Protein-Ärzten machen Sinn und wirken überzeugend!

„Iss so viele Kohlenhydrate wie Du möchtest und bleibe gesund, rank und schlank!“ Das ist das Motto der High-Carb-Diät. Fette werden in der Regel verteufelt und vom Speiseplan fast vollständig gestrichen.“

Bekannte High-Carb-Vertreter sind z.B. der Arzt Dr. John McDougall, der Chiropraktiker und Leistungssportler Douglas Graham, der die rohköstliche 80/10/10 Diät erfunden hat (80% Kohlenhydrate, 10% Proteine, 10% Fette),der Ernährungswissenschaftler Prof. T. Colin Campbell, der das vegane Standard-Werk „Die China-Studie“ geschrieben hat, sowie der bekannte Herz-Mediziner Dr. Caldwell Esselstyn.

Die verschiedenen High-Carb-Diäten unterscheiden sich darin, welche komplexen Kohlenhydrate, z.B. Getreideprodukte oder stärkehaltige Nahrungsmittel wie Kartoffeln, verzehrt werden dürfen. Alles in allem aber ist eine High-Carb-Diät zumeist vegetarisch oder vegan und erlaubt die unbegrenzte Aufnahme von Kohlenhydraten (Brot, Kartoffeln, Reis, Obst). Die High-Carb-Ärzte haben durch ihre High-Carb-Diät viele kranke und übergewichtige Menschen heilen können, weswegen sie davon überzeugt sind, dass zu viele Fette und zu viel Proteine (primär Fleisch und andere tierische Produkte) die Ursache für Krankheiten sind.

„Mehr Fleisch, Fette und Gemüse, kein Brot, keine Pasta. So bleibst Du gesund, rank und schlank!“ Das ist das Motto der Low-Carb-Diät. Kohlenhydrate werden in der Regel verteufelt und drastisch reduziert oder ganz gestrichen.“

Bekannte Low-Carb-Vertreter sind der mittlerweile verstorbene Arzt Dr. Robert Atkins, der diese Diät in den 1960er Jahren entwickelt hat, der bekannte Arzt und Internist Dr. Ulrich Strunz oder der Arzt Dr. Bruce Fife, der sogar noch weitergeht und einen Zustand der Ketose mit einer minimalen bzw. gar keiner Aufnahme von Kohlenhydraten empfiehlt, bei einer gleichzeitig großzügigen Verwendung von Kokosöl.

Besonders bei Sportlern ist die Low-Carb-Diät beliebt, da sie viel Energie und Leistungskraft gibt. Die Low-Carb-Ärzte haben mit der Low-Carb-Ernährung zahlreiche kranke und übergewichtige Menschen erfolgreich therapieren können, indem sie die Kohlenhydrate in deren Ernährung drastisch reduziert haben. Eine vegetarische oder vegane Ernährungsform wird bei der Low-Carb-Diät nicht oder nur bedingt als sinnvoll angesehen, da viele Proteine, zumeist in Form von Fleisch, verzehrt werden sollen, welche, laut der Low-Carb-Philosophie, die beste Energiequelle für den menschlichen Organismus darstellen.

Hier kommen wir zu einer sehr interessanten Frage: Wie kann es sein, dass manche Vegetarier oder Veganer krank werden und erst durch die Wiederaufnahme von Fleisch und anderen tierischen Produkten in ihre Ernährung wieder gesund werden? Und wie kann es andersherum sein, dass langjährige Fleischesser durch den Fleischverzehr krank werden und erst durch eine vegetarische oder vegane Ernährungsweise geheilt werden können?

Es scheint so, als ob eine bestimmte Ernährung nicht für jeden Menschen gleich gut ist, ja, dem einen scheint sie regelrecht Krankheit zu bringen, dem anderen dagegen Gesundheit! Woran liegt das? Meine Studien führten mich in den relativ neuen Sektor der Stoffwechsel-Ernährung bzw. Gen-Diät und zeigten mir: Die Ursache für das Vertragen oder Nicht-Vertragen bestimmter Nahrung liegt in den unterschiedlichen Genen des Menschen und den daraus resultierenden verschiedenen Stoffwechsel-Typen.

Im Buch „Metabolic Typing“ von William L. Wolcott (Vak Verlag 2012) wird die Geschichte des Biochemikers Dr. William D. Kelley erzählt, der im 20. Jahrhundert lebte. Im Alter von nicht einmal 40 Jahren wurde ihm Mitte der 60er Jahre von den Ärzten offenbart, dass er unheilbar an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankt sei und nur noch ein paar Monate zu leben habe. Zur Information: Damals gab es bei dieser Krebserkrankung weder Chemotherapie noch eine erfolgsversprechende Operation.

Anfangs ergab sich Kelley in sein Schicksal. Es schmerzte ihn, dass er seine Frau und Kinder hinterlassen würde, aber er sah keine Lösung. Über seine Mutter, die ihrem sterbenskranken Sohn unbedingt helfen wollte, kam er auf eine vegetarische Diät, die sich auf Obst, Gemüse und Vollkornprodukte beschränkte. Obwohl sich Dr. Kelley schon seit seiner Jugend sehr für Ernährung interessierte, waren seine eigenen Essgewohnheiten bis dahin wenig gesund gewesen und bestanden aus sehr viel Fleisch und Wurst, fettiger Milch und Milchprodukten sowie Eis, Torten und anderem Süßem.
Bereits nach einigen Wochen ging es ihm sichtbar besser. Zusätzlich führte er verschiedene Entgiftungsmaßnahmen durch und baute sich sein eigenes spezielles Diät- und Nahrungsergänzungsmittel-Konzept zusammen. Es dauerte einige Zeit, bis er die für sich richtige „Mischung“ fand, die dazu führte, dass sein Bauchspeicheldrüsenkrebs zurückging und schließlich gänzlich verschwand. Das zeigte ihm, dass Ernährung und Krankheit bzw. Gesundheit in enger Verbindung miteinander stehen. Fortan half er mit seiner vegetarischen Diät auch anderen kranken Personen, die von der Schulmedizin aufgegeben worden waren und bei ihm Rat suchten.

Die Geschichte des Dr. Kelley geht weiter: 1973 erkrankte seine Frau ohne ersichtlichen Grund schwer. Sie konnte nicht mehr aus dem Bett aufstehen und drohte zu sterben. Dr. Kelley versuchte sie mit der gleichen vegetarischen Ernährung und den gleichen Nahrungsergänzungsmitteln, die ihm so gut geholfen hatten, zu behandeln. Doch anstatt einer Verbesserung ihres Zustandes kam es zu einer Verschlechterung, was er anfangs nicht verstand. Was sollte er nur tun? Am Ende fiel ihm ein, dass es etwas gab, was er noch nicht versucht hatte, weil er es als Ursache allen Übels sah: Fleisch. Er fing nun an, seine Frau mit Rindfleischbrühe zu füttern und unglaublich aber wahr, seiner Frau ging es schon bald besser und sie konnte wieder aufstehen. Da wurde ihm bewusst, dass es bei den Menschen ganz offensichtlich unterschiedliche Stoffwechseltypen gibt, die eine unterschiedliche Ernährung benötigen, um gesund zu sein.

Dr. Kelley entwickelte in den Jahren darauf sein Stoffwechselernährungskonzept, basierend auf einem umfassenden Fragebogen, den seine Patienten zusammen mit dem Therapeuten auszufüllen hatten. Was Dr. Kelley in den 70er Jahren allein durch seine Beobachtung feststellte, lässt sich heute auch in den Genen lesen, denn unsere Gene bestimmen, welche Nahrungsmittel wir gut verstoffwechseln können und welche nicht.

Im Laufe der Evolution musste sich nämlich der Mensch immer wieder an neue Lebensbedingungen anpassen. Dieser Prozess verlief jedoch nicht bei allen Menschen gleich, daher entwickelten sich verschiedene genetische Metabolismus- bzw. Stoffwechsel-Typen. Diese werden als Meta-Typen bezeichnet. Bei der Nutrigenetik (Einfluss der Gene auf die Ernährung) und der Nutrigenomik (Einfluss der Ernährung auf die Genetik), die beide Hand in Hand miteinander gehen, wird zwischen vier Meta-Typen unterschieden:

1. Der Alpha-Typ „Jäger und Sammler“, d.h. der Ur-Typ, der Kohlenhydrate wie Getreide, Kartoffeln, Brot, Reis, etc., verarbeitete Lebensmittel und Fette schlecht verstoffwechselt und verträgt, Proteine hingegen gut.

2. Der Beta-Typ „Jäger und Sammler“, der wie der Alpha-Typ ist, aber auch Fette gut verträgt.

3. Der Gamma-Typ „Ackerbauer“, d.h. der sesshafte Typ, der sich über viele Generationen hinweg an landwirtschaftlich angebaute und verarbeitete Produkte wie Getreide, Brot, Reis und Kartoffeln angepasst hat, aber Fette, fettige Milchprodukte und Proteine schlecht verstoffwechselt und verträgt.

4. Der Delta-Typ „Ackerbauer“, der wie der Gamma-Typ ist, aber auch Fette sowie fettige Milchprodukte gut verträgt.
Gleichzeitig zeigen die Gene auch an, welcher Sport-Typ wir sind bzw. was die ideale Ernährung bei intensiver portlicher Betätigung ist. Dadurch erfahren wir, ob wir ein Langsam- oder Schnellverbrenner sind und welche Nahrung als schnelle Energiezufuhr am besten ist.

Nachdem ich mehrere Bücher zum Thema Nutrigenetik gelesen hatte, stand für mich fest, dass ich für mich einen Gen-Test machen wollte, um zu erfahren, welcher Stoffwechsel-Typ ich bin. Ich entschied mich für einen „CoGap-Meta-Check“ und fand schnell eine Apotheke heraus, die diesen Test durchführte.

Vier Wochen später bekamen wir die Ergebnisse: Ich bin ein Alpha-Typ, also ein Jäger und Sammler, der Kohlenhydrate, verarbeitete Nahrungsmittel und Fette, wie Nüsse, Öle und Avocados, schlecht verstoffwechselt und verträgt. Eine proteinreiche Nahrung wäre aus genetischer Sicht am besten. Interessanterweise hat meine Mutter nahezu dasselbe Ergebnis wie ich, was nahelegt, dass der Stoffwechseltyp vererbt wird.

Es war für meine Mutter und mich zuerst eine Überraschung, dass wir Kohlenhydrate schlecht vertragen, da wir gerne und reichlich Obst (einfache Kohlenhydrate) essen, bis wir erkannten, dass hier zwischen komplexen Kohlenhydraten wie Brot, Getreide und Kartoffeln und einfachen Kohlenhydraten wie Obst unterschieden werden muss. Leider war das im Meta-Test nicht ganz genau erklärt, zeigte sich aber im Anhang, in dem die für den Gen-Typ geeigneten Lebensmittel aufgeführt sind. Obst ist für uns als gut geeignet markiert, wohingegen wir Brot, Kartoffeln, Reis, etc. meiden sollten. Dies bestätigt sich mit unserem Essverhalten. Auch dass wir fette Nahrungsmittel schlecht vertragen, hatten wir bereits vermutet, da wir durch fette Speisen leicht zunehmen.

Zusammenfassend kann ich sagen, dass der Meta-Test für mich sehr aufschlussreich war. Er hat meine Vermutung bezüglich Fetten und komplexen Kohlenhydraten bestätigt. Ich kann somit nur jedem an Ernährung und Gesundheit Interessierten einen solchen Gen-Test anraten, um mehr über sich selbst und seinen Stoffwechsel-Typ zu erfahren. Auf diese Weise kann die Nahrung besser angepasst und optimiert werden. Das Idealgewicht kann leichter erreicht werden und Wassereinlagerungen, überflüssige Pfunde und Verdauungsprobleme lösen sich auf.

Zum Ende dieses Textes möchte ich noch gerne etwas über die beiden Lehren von „High Carb“ und „Low Carb“ sagen: Meiner Ansicht nach sind beide Systeme zu ungenau und verallgemeinern zu viel, ja ihr Dogma kann sogar gefährlich sein. Bei High-Carb sollte unbedingt zwischen komplexen Kohlenhydraten (Getreide, Kartoffeln) und einfachen Kohlenhydraten (Obst) unterschieden werden. Denn nicht jeder verträgt jede Kohlenhydratform gleich gut.

Nahrungsmittelallergien wie Fructoseintoleranz, Glutenunverträglichkeit oder Histaminintoleranz spielen hier zusätzlich eine Rolle und sollten bei Verdacht getestet werden.

Bei einer „Low Carb“-Ernährung sollte neben der Frage, ob man nicht vielleicht doch genetisch ein Kohlenhydrat-Typ ist, immer auch beachtet werden, ob man ein Fetttyp ist, der Fette und Milchprodukte gut verträgt oder nicht. Ansonsten kann man hier mehr Schaden als Nutzen anrichten, wenn man auf „Low Carb“ umsteigt. Die Thematik der Proteine bedarf meiner Ansicht nach einer besseren Klärung. Auch wenn jemand ein Protein-Typ ist, muss er nicht zwangsläufig Fleisch essen, sondern kann auch pflanzliche Alternativen wie Sojaprodukte, Algen oder Hülsenfrüchte verzehren, welche sogar teilweise mehr Proteine als tierische Produkte enthalten.

Was wir brauchen, ist ein gutes Feingefühl für unseren Körper, der uns stets auf seine Art und Weise signalisiert, was ihm gut tut und was nicht, beispielsweise durch übermäßige Gewichtszunahme oder Verdauungsbeschwerden. Wer ein solch gutes Körpergefühl hat, kann auch schon erahnen, welcher Stoffwechseltyp er ist. Die Durchführung des Meta-Checks ist dann die Bestätigung.