Kulturerbe Schloss Rudolfshausen

von Helene Walterskirchen
Europäisches Kulturerbejahr 2018: Kulturerbe Schloss Rudolfshausen

Historisches Gebäude und Entree Schloss Rudolfshausen (erbaut 1580-81)

Das Jahr 2018 wurde von der Europäischen Union zum Europäischen Jahr des Kulturerbes erklärt. Mit dem Themenjahr soll das Bewusstsein für die europäische Geschichte und die europäischen Werte geschärft und ein Gefühl einer europäischen Identität gestärkt werden. Dies wollen wir zum Anlass nehmen, uns mit dem Begriff „Kulturerbe“ näher zu befassen, um seine Bedeutung für uns und unser Leben zu verstehen.

„Kulturerbe“ setzt ein Bewusstsein der Menschen voraus, dass es Kultur gibt und Kultur vererbt werden kann. Wir sprechen hier von Kultur nicht im Sinne von Kunst bzw. Kunstgegenständen, sondern von einem umfassenden Kulturbewusstsein, einer Kulturgeschichte und einem Kulturverhalten, das die gesamte Menschheit betrifft. Sich dessen bewusst zu sein, setzt ein gewisses Maß an Wissen und Bildung voraus, aber auch ein Interesse und Verständnis des Einzelnen. Bei manchen Menschen ist dies quasi angeboren, andere hingegen müssen erst dahin geführt werden, damit diese Seite in ihnen entwickelt und gefördert wird. Deshalb ist Kulturbildung sehr wichtig und sollte, beispielsweise bereits an Schulen, wesentlich mehr Gewicht haben als dies heute der Fall ist.

Der Begriff „Kulturerbe“ setzt voraus, dass es eine Kultur gibt und immer gegeben hat, seit es die Menschheit gibt. Dieses Kulturerbe wurde an uns vererbt und wird von uns an unsere Kinder und Kindeskinder vererbt. Wir können dieses Kulturerbe wertschätzen und hegen und pflegen, wir können es aber auch nicht wertschätzen und verfallen lassen oder sogar zerstören.

Unter Kulturerbe kann man immaterielles und materielles Kulturerbe verstehen:

Immaterielles Kulturerbe besteht aus Kulturgrundlagen und Kulturverhaltensweisen, die die Menschheit seit ihrem Bestehen leitet und dabei Regeln vorgibt, wie man sich in einem bestimmten Kulturbereich zu verhalten hat. Dies kann man am Beispiel der Kommunikationskultur, die sich über die Jahrtausende entwickelt hat, sehr gut sehen. So waren Grobheit und Gewalt in der Kommunikation sicherlich in allen Kulturen, ob Steinzeit, Römer, Mittelalter oder Moderne, Verhaltensweisen, die andere erniedrigt und verletzt haben. Freundlichkeit und Rücksicht in der Kommunikation dagegen waren Verhaltensweisen, die anderen wohl getan und sie erfreut haben. Am Beispiel der Kommunikationskultur kann man sehr gut sehen, welches „Kulturerbe“ uns unsere Vorfahren vererbt haben und welchen Einfluss dieses Kulturerbe auf unser heutiges Leben, Verhalten und Zusammenleben hat.

Unter einem „materiellen Kulturerbe“ versteht man materielle Kulturgüter oder Kunstwerke, z.B. ein historisches Schloss, einen altägyptischen Tempel, eine steinzeitliche Höhlenmalerei, ein Selbstbildnis von Albrecht Dürer im Pelzrock, die Marmorstatue „Römische Pieta“ von Michelangelo oder der Erstdruck des Romans von Johann Wolfgang von Goethe „Die Leiden des jungen Werthers“. Die jeweiligen Kulturgüter oder Kunstwerke repräsentieren den Kultur- und Kunstgeist einer bestimmten Epoche, z.B. der Gotik oder der Renaissance und sind somit auch Ausdruck der Kulturgrundlagen, nach denen die Menschen damals gelebt haben. Ein heutiger Schriftsteller beispielsweise würde „Die Leiden des jungen Werther“ ganz anders schreiben, als es seinerzeit Johann Wolfgang von Goethe getan hat. Und ein heutiger Architekt würde einen ganz anderen Prachtbau kreieren als es ca. 400 Jahre zuvor ein Enrico Zuccalli mit dem Bau von Schloss Nymphenburg in München gemacht hat. Denn die heutigen Kunst- und Kreativschaffenden unterliegen dem Kulturgeist und dem Kulturbewusstsein der jetzigen Zeit des beginnenden 21. Jahrhunderts.

Modernes Gebäude und Entree des Max-Planck-Instituts für Ornithologie in Radolfzell

Das am Anfang des Artikels abgebildete Schloss Rudolfshausen zeigt den Baustil und Kulturgeist des Barock; das zuvor abgebildet Gebäude des Max-Planck-Instituts zeigt den Baustil und Kulturgeist des beginnenden 21. Jahrhunderts. Was unterscheidet beide Kultur- und Kunstwerke? Es ist die Zeit ihres Bestehens und damit ihr Wandel durch die Zeiten, Kulturen und Generationen.

Aufgrund der Kurzlebigkeit des neuen Gebäudes (es wurde Anfang 2000 erbaut) handelt es sich nicht bzw. noch nicht um ein „Kulturerbe“, kann jedoch durchaus, z.B. in 100 oder 200 Jahren ein „Kulturerbe“ werden. Bei dem historischen Schloss hingegen handelt es sich um ein „Kulturerbe“. Es wurde vor mehr als 400 Jahren erbaut, ist somit Zeuge einer Zeit und Kultur des Barocks und drückt den barocken Baustil und Lebensstil aus. Es wurde von Ludwig Welser zu einer Zeit erbaut, in der es für die Patriziergesellschaft, der der Erbauer angehörte, wichtig war, in den Adelsstand erhoben zu werden und so gesellschaftlich aufzusteigen. Die Erbauung und der Besitz eines Schlosses waren dafür Voraussetzung. Der Dienstherr von Ludwig Welser, der Habsburger Kaiser Rudolf II. gab nicht nur dem Schloss seinen Namen, sondern gewährte mittels Urkunde die Erhebung in den Adelsstand (lesen Sie dazu hier mehr).

Kaiser Rudolf II. (1552 – 1612)

In dem Ort, in dem Schloss Rudolfshausen steht, Holzhausen in der Gemeinde Igling bei Landsberg, prägt es seit über 400 Jahren das Ortsbild und ist Teil der Ortsgeschichte und Ortskultur. Der Ort und die Menschen, die dort leben, identifizieren sich seit Generationen mit dem Gebäude und seiner Geschichte. Das Schloss gibt dem Ort eine kulturelle Bedeutung; ohne Schloss wäre der Ort nur ein Allerweltsort wie andere Orte. Das Schloss ist etwas, worauf die Menschen des Ortes stolz sind, auch wenn sie selbst gar nichts zur Erhaltung und Pflege beitragen. Wenn sie vom Schloss sprechen, so sagen sie stets „unser Schloss“, was Hinweis darauf ist, welchen Stellenwert das Schloss für sie hat.

Fast wäre Schloss Rudolfshausen vor nicht allzu langer Zeit verfallen: Aufgrund der Pfarrgemeindereform wurde es von der Katholischen Kirche als Pfarrhof aufgegeben und stand einige Zeit leer. Das Gebäude war bereits vorher in einem renovierungsbedürftigen Zustand, der sich mit den Jahren immer weiter verschlechterte. Es fand sich, trotz intensiver Suche, niemand, der bereit war, das Schloss als Mieter/Pächter zu übernehmen und ihm wieder neues Leben einzuhauchen, obwohl die Kirche in Aussicht stellte, Renovierungsgelder bereit zu stellen.

Dies änderte sich, als wir im Jahr 2011 das Kulturgut Schloss Rudolfshausen übernahmen und es einer gründlichen Renovierung und Sanierung unterzogen, im Verbund mit der Katholischen Kirche, aber auch mit eigener, tatkräftiger Unterstützung aus unserer Privatschatulle. Die Idee des Adels und des Mäzenatentums lag uns im Blut, so dass es für uns unerheblich war, ob wir Eigentümer waren oder nicht. Für uns bedeutete das Gebäude, seine Wiederherstellung und Pflege, Auftrag und Verpflichtung, die wir gerne übernahmen. So wurde Schloss Rudolfshausen nicht nur wieder bewohnbar, sondern es wurde auch zu einem Schmuckstück und erlebte eine Renaissance als Kultur-Zentrum durch unser Kultur-Engagement und unsere gemeinnützigen Kultur-Projekte.

Eigeninitiative/Selbstfinanzierung von Helene und Alexandra Walterskirchen: Renovierung der ehemaligen Hauskapelle von Schloss Rudolfshausen mit stark zerstörtem Deckenfresco
Einweihungsfeier nach der Renovierung: der Raum erstrahlt in neuem Glanz

In jeder Ausgabe unseres Magazin „Kultur-Magazin Schloss Rudolfshausen“, das es seit 2014 gibt, steht ganz am Anfang, neben der Abbildung von Schloss Rudolfshausen, folgende Einleitung:

„Ein Kulturzentrum ist ein Ort, an dem die Kultur ganz im Mittelpunkt steht, nicht die Kultur, die allgemein heute darunter verstanden wird, also Veranstaltungen wie Konzerte, Theater, Oper, Kunstausstellungen, Kunstmärkte usw., sondern die Kultur, die Leitkultur für die menschliche Gesellschaft und das menschliche Leben ist.
In einem Kulturzentrum geht es darum, die Grundlagen für eine hochwertige und gesunde Lebens- und Gesellschaftskultur und all das, was dem entgegensteht, sichtbar und bewusst zu machen sowie Möglichkeiten und Maßnahmen aufzuzeigen, Kulturkrankheiten zu beseitigen und wieder in einen kulturgesunden Lebensstil zu gelangen.

Wir alle sind Kulturwesen und darauf angewiesen, in einer intakten, gesunden und hochwertigen Lebens- und Gesellschaftskultur zu leben, die im Einklang mit der Natur ist.“

Helene und Alexandra Walterskirchen

Viele Menschen, die unsere Schlossrenovierung mitverfolgt hatten, sagten uns, dass sie das als Nichteigentümer niemals gemacht hätten. Wir hätten damit ja quasi der Katholischen Kirche Gelder in sechsstelliger Höhe geschenkt, und diese hätte sich darüber nur die Hände gerieben. Das ist die eine Sicht eines Sachverhalts. Die andere jedoch geht über das persönliche Wohl hinaus und stellt das Wohl eines Kulturgutes bzw. Kulturerbes in den Vordergrund. Man kann private Gelder dazu nutzen, sein Kapital zu vermehren, es nach seinem Tode zu vererben oder man kann sie in den Dienst einer höheren Sache stellen, sozusagen in den Dienst dessen, was man Kulturerhaltung nennt. Wir lieben unser Schloss und schätzen seinen kulturellen Wert sehr hoch, so dass es uns Anliegen und Freude war, es wieder zu einem Schmuckstück zu machen. Wenn wir einmal diese irdische Welt verlassen werden, hinterlassen wir der Allgemeinheit, insbesondere dem Ort Holzhausen ein Kulturerbe, dem wir wünschen, dass es noch viele Jahrhunderte lang in seiner Blüte bestehen bleibt.

Wir Menschen können neue Kulturgüter und neues Kulturerbe schaffen, indem wir kreativ oder künstlerisch tätig sind. Wir können jedoch auch bestehende historische Kulturgüter und historisches Kulturerbe erhalten, pflegen und in die neue Zeit bringen. Zu was immer wir uns berufen fühlen, sollten wir tun, sofern es unser Herzensanliegen ist und wir darin den Sinn und Auftrag unseres Lebens sehen.

Das Europäische Kulturerbejahr 2018 will uns bewusst machen, dass es in ganz Europa Kulturgüter und Kulturerbe gibt, die es wert sind, dass wir uns ihrer bewusst werden, sie annehmen und erhalten. Ihre Geschichte ist unsere Geschichte, nicht unbedingt des einzelnen Menschen, sondern dessen, was wir Menschheit nennen. Jeder von uns ist Teil dieser Menschheit und jedes Kulturgut ist somit ein Teil von uns selbst. Lebendiges Kulturerbe = lebendige Menschheit = lebendige Welt = Leben und Sein. Was wären wir ohne unsere Kulturgüter und Kulturschätze und ohne all jene Menschen, die sich dafür einsetzen – nicht unbedingt nur, weil sie es aufgrund einer Pflichtkür tun, sondern weil es ihnen ein Herzensanliegen ist.

Schloss Rudolfshausen, 2016, von der Straßenseite aus gesehen.
Schloss Rudolfshausen vor der Renovierung/Sanierung August 2011