Frieden mit dem Lebensschicksal

Die Friedens-Kolumne von Helene Walterskirchen:
Frieden mit dem Lebensschicksal


Wenn wir Kinder oder Jugendliche sind, wissen wir nicht, was das Leben für uns bereithält. Erst mit den Jahren offenbart sich unser Lebensschicksal mit all den Ereignissen, die uns oft in Mark und Bein erschüttern: ein Elternteil wird schwer krank und stirbt, wir werden in der Ehe von unserem Partner/unserer Partnerin betrogen, wir verlieren unser Kind durch einen Unglücksfall, wir erkranken schwer an Krebs, wir machen einen geschäftlichen Verlust, der uns unsere Existenz kostet und so fort. Dann stellen wir uns oft die Frage: „Warum?“ und weiter: „Warum passiert ausgerechnet mir das? Warum kann ich nicht Glück in meinem Leben haben? Warum habe ich immer nur Unglück?“ Wir kommen dann in Unfrieden mit unserem Lebensschicksal.

In solchen Momenten fühlen wir uns vom Schicksal schlecht behandelt und von Gott/den himmlischen Mächten verlassen. Wir verstehen nicht, warum andere Menschen scheinbar so viel Glück haben, wir hingegen nicht. Was haben wir falsch gemacht? Es fällt uns oft schwer, das Gute zu sehen, das uns in diesem Leben auch geschehen ist. Wir begreifen nicht, dass jeder Mensch sein ganz persönliches Schicksal für dieses Leben hat, das auf vielen Faktoren begründet ist, beispielsweise wichtige Lernlektionen für die Entwicklung der Persönlichkeit, Ablegen von Naivität, Ausstieg aus polaren Sicht- und Verhaltensweisen, Aneignung von Toleranz und Verständnis, Transformation von Egoismus in Altruismus usw.

Man spricht nicht umsonst von „der Schule des Lebens“, in der wir uns alle befinden. In dieser Lebensschule hat jeder „Schüler“ seinen ganz eigenen Lehrplan, den er zu lernen und zu absolvieren hat. Es ist eine bekannte Tatsache, dass der Mensch am besten aus Ereignissen lernt, die ihn tief im Inneren treffen, ihn verletzen und „ausknocken“. Die schönen und guten Ereignisse hingegen werden selten zum Anlass genommen, etwas zu verändern.

Wenn wir beispielsweise körperlich gesund sind, werden wir kaum etwas an unserer Ernährung ändern und verbessern. Erst wenn wir schwer oder gar lebensgefährlich krank werden und unser Leben bedroht ist, sind wir offen dafür, bestimmte Nahrungsmittel oder Speisen, die unserer Gesundheit schaden, nicht mehr zu essen und etwas Grundlegendes an unserer Ernährung zu ändern und zu verbessern.

Wenn wir beispielsweise Auto fahren und zur Sorte der Raser gehören, die häufig die Geschwindigkeitsbegrenzungen übertreten, werden wir nichts an unserem Verhalten ändern, solange alles gut läuft. Erst wenn wir einige Male in Radarfallen geraten sind, wenn wir hohe Bußgelder gezahlt und Strafpunkte eingeheimst haben oder wenn wir gar unseren Führerschein deswegen verloren haben, werden wir bereit sein, etwas zu ändern. Dann dürfen wir uns Gedanken über Themen machen wie Rücksichtnahme, Einhalten von Regeln, Anpassung usw.

Wenn sich in diesen Momenten der Autofahrer über sein Lebensschicksal beklagen würde, das doch scheinbar so ungerecht zu ihm ist – „andere fahren auch zu schnell und denen passiert nichts!“ – ginge das an der Sache vorbei. Es geht hier nicht um die anderen, sondern um ihn, um seine Anmaßung zu glauben, er könne sich über alles hinweg setzen und tun und lassen was ihm im Straßenverkehr gefällt. Diese egoistische Haltung abzulegen ist ganz offensichtlich ein wichtiges Thema in seinem Leben, ist also somit sein Lebensschicksal.

Jeder von uns ist in seinem Leben mit seinem ganz persönlichen Lebensschicksal konfrontiert. Es mag so scheinen, als ob manche ein ganz besonders schweres Lebensschicksal haben und andere ein etwas Leichteres, aber keiner ist ohne Lebensschicksal. Jeder hat seine Lernaufgaben in diesem Leben: der eine muss lernen zu teilen, der andere zu lieben, der andere zu verzeihen, der andere zu glauben, der andere zu vertrauen usw.

Nehmen wir unser Lebensschicksal an und lösen wir die darin enthaltenen Lernaufgaben möglichst rasch und zügig auf! Kommen wir in Frieden mit unserem Lebensschicksal! Dann wird unser Lebensschicksal nicht zum Kampf oder Krampf, sondern zu einem wunderbaren Fließen.