Gaißmayer: Gartenkultur auf der Illertisser Jungviehweide

von Helene Walterskirchen
Gaißmayer: Gartenkultur auf der Illertisser Jungviehweide

Dieter Gaißmayer zeigt der Autorin eine Stele aus Stein mit goldenfarbigen Ornamenten, die seit einer Ausstellung seinen Schaugarten ziert

Ein Herbsttag wie im Bilderbuch: Mild, sonnig, lieblich, geradezu einladend für einen Ausflug in ein Pflanzenparadies: die Bioland-Staudengärtnerei Gaißmayer und das dazugehörige Museum der Gartenkultur auf der Jungviehweide im schwäbischen Illertissen. Als wir vor rund sechs Jahren unseren großen Garten in Schloss Rudolfshausen angelegt haben, war uns die Gärtnerei Gaißmayer ein wichtiger Ratgeber und Pflanzenlieferant. So wachsen heute in unserem Schlossgarten auch viele Gaißmayersche Staudenpflanzen und erfreuen uns ihres kräftigen Wuchstums und ihrer Blütenpracht.

Wer einen typischen Gartengroßmarkt erwartet, wird schnell feststellen, dass die Staudengärtnerei Gaißmayer samt Museumsgelände etwas anderes ist: eine vielfältige Gartenkulturwelt, ein Gartenpark, eine Freiland-Gartenausstellung und ein sehr individueller Gärtnerei-Betrieb. Garteninteressierte können viele Stunden durch die riesige Gartenlandschaft schlendern, sich daran erfreuen, hier und da verweilen und natürlich auch Pflanzen für den heimischen Garten kaufen. Was es bei Gaißmayer nicht gibt, sind die typischen großen, anonymen Verkaufshallen wie es in modernen Gartencentern der Fall ist, hier wirkt alles wie im Garten-Märchenland oder im Zwergen-Wonderland.

Auf dem großen Kundenparkplatz herrscht bei meiner Ankunft reges Treiben, wohl offensichtlich durch einen Ausflugsbus, der gerade angekommen ist. Die Gartenwelt auf der Illertisser Jungviehweide scheint ein beliebtes Ausflugsziel für Garteninteressierte zu sein und das Kaiserwetter am heutigen Tag ist ideal dazu geeignet.

Dieter Gaißmayer, der in Weihenstephan (Freising) Gartenbau studiert hat, ist der Dirigent der Gaißmayer’schen Pflanzenwelt, und das seit 37 Jahren. An seiner Seite sind die zwei wichtigsten Frauen in seinem Leben: seine Frau und seine Tochter. Alle drei wechseln sich beim Dirigieren ab, damit die 50 Gärtner, die in ihrer Gärtnerei arbeiten, die Musik spielen, die ihre Pflanzen gerne hören und brauchen, um ihre üppige Pflanzenpracht zu entfalten.

Wer kann einen Gast besser in seine Pflanzenwelt einführen als der Hausherr selbst? Leger, in Arbeitskleidung, nimmt er mich mit auf eine Führung durch sein Reich, eher karg an blumigen Worten, dafür reich in seinen Werken:

Hinreißenden Pflanzen- und Blumenkompositionen, die er alle beim Namen nennt, gleich einem Bauern, der den Namen jedes seiner Tiere kennt: „Das ist die Leni, das ist die Walli, das ist die Vreni …“ Und: Dieter Gaißmayer kennt nicht nur die Namen seiner Pflanzen, sondern auch ihre Geschichte, seit diese in seinem Garten leben. Darüber könnte er viele Stunden lang erzählen.

In der Gärtnerei Gaißmayer können sich Menschen, die sich einen Garten anlegen wollen, wertvolle Anregungen holen. In der vielfältigen Gartenwelt gibt es verschiedenste Themenbereiche, z.B. Steingarten, Bauerngarten, Cottage Garden, Kiesgarten, Heidegarten, Prachtgarten usw. Die Anregungen können Interessierte direkt durch einen Besuch auf der Illertisser Jungviehweide bekommen oder auch aus der umfassenden Homepage der Staudengärtnerei erfahren, denn man kann Pflanzenauswahl und –Bestellungen Online tätigen.

Gemächlich, miteinander plaudernd, schlendern wir durch das Herzstück der Staudengärtnerei Gaißmayer. Da gerade Herbst ist, beeindrucken und entzücken mich besonders die attraktiven und mannsgroßen Gräser mit ihrem filigranen Wuchs. Auf meine Frage, warum er das Gartengelände „Herzstück“ nennt, antwortet Dieter Gaißmayer: „Weil es der Muttergarten ist, in dem die Mutterpflanzen stehen.“ Die Nachkömmlinge, die die Mutterpflanzen „gebären“, kommen in den Gärtnereibereich, in dem die Aufzucht der Jungpflanzen stattfindet.

Auffallend sind im Gartenparadies Gaißmayer die Gartenkunstwerke, die überall stehen. Dieter Gaißmayer berichtet, dass es immer wieder Gartenkunst-Ausstellungen bei ihm gegeben hat und gibt, z.B. Windspiele, Holz- oder Stein-Skulpturen oder Gießkannen, die an Stäben in den Himmel ragen. Dieter Gaißmayer: „Wenn mir die Kunstwerke gefallen, kaufe ich das eine oder andere und es verbleibt dann bei uns im Garten. So haben sich über die Jahre einige Kunstwerke hier angesammelt.

Nach dem Rundgang durch die Gärtnerei überqueren wir die Zufahrtsstraße, um in den gegenüberliegenden Teil der Gartenwelt auf der Illertisser Jungviehweide zu gelangen. Dieser Gaißmayer: „Wir gehen jetzt über die Grenze. Bis jetzt waren wir im Bereich der Gärtnerei. Nun jedoch kommen wir zur zum Gelände der Stiftung Gartenkultur. Ich bin für beide zuständig, denn ich leite nicht nur die Gärtnerei, sondern auch die Stiftung. Die gemeinnützige Stiftung wurde im September 2010 gegründet. Herzstück der Stiftung ist das Museum der Gartenkultur.“

Museum der Gartenkultur (Stiftung Gartenkultur)

Aus der Homepage der Stiftung kann man mehr über die fünf Schwerpunkte der Stiftungsprojekte erfahren:

1. Das „Gartenarsenal“ versammelt historische Gartengeräte und Arbeitstechniken.
2. Das „Sortenarsenal“ kümmert sich um den Erhalt und das Wissen über alte Nutz- und Zierpflanzen.
3. Die Sammlung „Offene Gärten“ sind die Außenstellen des Museums. Sowohl botanische Besonderheiten als auch gartenkulturelle Schätze im vorwiegend schwäbischen Raum werden dokumentiert und beschrieben.
4. Die „Gartenakademie“ bietet als freie Bildungseinrichtung Seminare, Vorträge, Mitmach-Werkstätten und andere Veranstaltungen zur gärtnerischen, botanischen und ökologischen Weiterbildung an.
5. Die Bibliothek historischer und moderner, überwiegend wissenschaftlicher Gartenliteratur ist eine wahre Fundgrube für den bibliophilen Garten- und Pflanzenfreund (Präsenzbibliothek.

Das „Gartenarsenal“ (1.) beherbergt eine der größten Sammlungen historischer Arbeitsgeräte. Mit derzeit über 7.000 Exponaten aus allen gärtnerischen Arbeitsgebieten, aus drei Jahrhunderten und aus ganz Europa, ist sie die deutschlandweit größte dieser Art und umfasst so ziemlich alles, was früher in Beet und Garten handfesten Nutzen hatte. Zum Museum geht man durch die große Glashalle, in der sich das Café, der Shop und der Vortragsraum befinden.

Auch das „Sortenarsenal“ der Stiftung ist eine Besonderheit. Auf dem 1,5 Hektar großen Gelände werden in den Museumsgärten alte, bewährte und teilweise schon längst vergessene Pflanzenarten und –Sorten gezeigt, von denen viele vom Aussterben bedroht sind. Sogar ein Hauch von den Gärten des Schlosses Versailles findet man in Illertissen: Nach französischem Vorbild ist ein Ausschnitt des barocken Küchengartens Ludwig XIV. nachgebaut. Mehr als 20 Pflanzenkabinette – das sind zehn mal zehn große Gartenräume – sind innerhalb des Museumsgartens zu geometrischen Mustern angeordnet. Sie sind unterschiedlichen Themen gewidmet, z.B. Rosen, Stauden, Kletterpflanzen usw.

Ein Genuss für Gartenkunst-Freunde: Besichtigung der Museumsgärten

Eine Aktion der Stiftung Gartenkultur um Dieter Gaißmayer ist das Projekt mit dem Namen „Entsteint Euch!“, die einen Ausstellungsplatz in den Museumsgärten hat, in Form eines Banners und einer Wellblechhütte, in der ständig ein Video läuft, das aufklärt, aber auch appelliert: „Entstein Euch! Bringt uns Eure Steine aus dem Garten. Lasst wieder mehr Grün wachsen.“ Das Projekt entstand 2015 und bekam in der lokalen Presse viel Aufmerksamkeit. In der Südwest Presse hieß es im Artikel „Stiftung Gartenkultur will mit neuer Aktion Böden beleben“ vom 21.8.2015:

Sind es Kiesgärten oder Kieswüsten? Darüber kann man streiten. Sicher ist, wenn die Steinepest im Vorgarten wütet, verschwindet das Grün. Und noch viel mehr. Die Bienen, Schmetterlinge und Vögel sind auch weg. Entsteint euch.“
Mit diesem Appell wenden sich die Illertisser Stiftung Gartenkultur und ihr Förderverein, die Interessengemeinschaft zur Förderung der Gartenkultur, jetzt an Gartenbesitzer. Das Ziel: Mehr Gärten sollen ökologisch wertvoller gestaltet werden. Mit dem Aufruf „Wer bringt den ersten Stein?“ starten sie am kommenden Dienstag eine Aktion für blühende Gärten. …

Die Museumsgärten auf der Illertisser Jungviehweide sind immer offen, sieben Tage die Woche, so erfahre ich von Dieter Gaißmayer. Auf meine Frage, wer sich um die Gärten kümmert und sie pflegt, antwortet er: „Dafür gibt es einen Förderverein, der sich „Förderer der Gartenkultur e.V.“ nennt. Dieser Verein, der von Thea Zedelmeier als 1. Vorstand geleitet wird, ist ein wichtiger Bestandteil des Illertisser Gartennetzwerkes mit vielfältigen Aufgaben.“
Zu den Aufgaben des Vereins zählen unter anderem:

1. Betreuung eines Großteils der IMPROVISIERTEN GÄRTEN und die GARTENKABINETTE sowie Weiterentwicklung derselben;
2. Organisation eines vielfältigen Veranstaltungs-Programms mit Vorträgen, Seminaren und Workshops;
3. Ausarbeitung und Durchführung von Gartenkulturellen Aktionen wie „Entsteint Euch!“ oder „Illertisser Saatgut, Regio- und Ökomarkt;
4. Zusammenbringen von Menschen, denen Gartenkultur am Herzen liegt. …

Beim Verlassen der Staudengärtnerei und dem Museum der Gartenkultur habe ich die letzten Worte von Dieter Gaißmayer im Kopf, als er mir berichtete, dass er ursprünglich Drogist gelernt hat und ziemlich schnell umgesattelt hat auf Gartenbau. „Das war das Beste, was mir in meinem Leben passieren konnte!“

Dem möchte ich hinzufügen: Nicht nur für ihn war es das Beste, sondern auch für die Illertisser Jungviehweide, für den Ort Illertissen, für die Bewegung der Staudengärtner, für die Erhaltung, Pflege und Förderung des Bereichs „Gartenkultur“ und „Gartenkunst“. Wie sagte ich am Anfang dieses Porträts: „Dieter Gaißmayer ist karg an blumigen Worten, aber reich an blumigen Werken!“

Staudengärtnerei Gaißmayer GmbH & Co. KG
Jungviehweide 3
D-89257 Illertissen
Tel: 07303 – 7258
Fax: 07303 – 42181
e-Mail: info@gaissmayer.de
www.gaissmayer.de

Stiftung Gartenkultur
Email: kontakt@stiftung-gartenkultur.org
Internet: www.stiftung-gartenkultur.org