Isabella Sonntag – Mission zum Wohle der Pferde

Unternehmer-Kulturportrait von Helene Walterskirchen:
Isabella Sonntag – Mission zum Wohle der Pferde

Foto: Sabine Grosser

Was Isabella Sonntag anpackt, hat nicht nur Hand und Fuß, sondern trägt auch Früchte. Sie gibt sich nicht mit halben Sachen zufrieden. Entweder ganz oder gar nicht. Das war schon so, als sie Inhaberin und Geschäftsführerin des etablierten Familienunternehmens „Uhren Sonntag“ in München, Sendlingerstraße, war. Das war weiter so, als sie das Unternehmen Wu Wei gründete und das Magazin Wu Wei herausgab sowie als Buchverlegerin tätig war und bis zum Verkauf des Verlages 100 Bücher veröffentlichte, an manchen sogar mitarbeitete. Wu Wei ist eine taostische Lebensphilosophie und bedeutet so viel wie Tun im Nichtstun. Und das war weiter so, als sie ihre hobbymäßige Pferdeleidenschaft zu ihrer neuen Berufung machte und zusammen mit Manuel Jorge de Oliveira, einem portugiesischen Reitmeister der alten Schule, eine Mission zum Wohle der Pferde aufnahm, deren Höhepunkt darin bestand, dass sie vor zwei Jahren eine Reitanlage in 86875 Waal bei Buchloe erwarb und dort, zusammen mit Manuel, die „Oliveira-Stables“ eröffnete.

Als ich sie vor rund 20 Jahren kennen lernte, war es im Zusammenhang mit einer damaligen Aktion, die sie ins Leben gerufen hatte. Es ging darum, den Menschen bewusst zu machen, wie wichtig es ist, mit einem Lachen durchs Leben zu gehen. Sie hatte zu viele ernste Gesichter in ihrer Tätigkeit als Geschäftsführerin in der Schmuck-Branche gesehen und es war ihr ein Anliegen, dem entgegenzuwirken. Wir erkannten damals beide, dass wir vom Typ „Macherinnen“ sind – jede auf ihrem Gebiet. Es entstand jedoch kein Konkurrenzdenken, sondern eine gegenseitige Annahme, Wohlwollen und Hilfsbereitschaft, für den anderen da zu sein, wenn notwendig. Allein dieses Wissen genügte, dass jede von uns in den vergangenen 20 Jahren ihren eigenen Weg gehen konnte, wobei ein gelegentliches Lugen in das Territorium des anderen dazu gehörte.

Es war im August 2017 als mir mein siebter Sinn signalisierte, jetzt sei der richtige Zeitpunkt, Isabella Sonntag zu treffen, um in meinem nächsten „Kultur-Magazin Schloss Rudolfshausen“ ein Porträt über sie zu bringen. So fuhr ich kurze Zeit später in das benachbarte Waal zu Isabellas Reitanlage, ein Katzensprung, denn Waal ist nur etwa 10 Minuten von Schloss Rudolfshausen entfernt.

Isabella Sonntag herrscht souverän über die große, ehemals fürstliche Reitanlage, die neben Schloss Waal, Wohnsitz des fürstlichen Hauses von der Leyen, liegt. Seit dem Kauf vor zwei Jahren ist sie ständig damit befasst, die Anlage umzubauen, zu renovieren und teilweise neu zu gestalten, um sie den aktuellen Entwicklungen und Bedürfnissen anzupassen.

Ehe wir das eigentliche Gespräch führten, zeigte mir Isabella die große Reitanlage und berichtete bei der Gelegenheit, dass vor kurzem in der Anlage, genauer bei den Pferdeställen, eingebrochen worden sei. Die Täter hatten offensichtlich die Absicht, die Pferde zu töten. Gott sei Dank, sei es nicht dazugekommen, weil Teamleute, die im Haus nebenan logierten, aufmerksam wurden. Aus Sicherheitsgründen ist jedoch nun alles mit provisorischen Metallzäunen abgesichert, ehe feste Zäune errichtet werden. Wenn man bedenkt, dass eines der kostbaren Reitpferde einen Wert von ca. 40.000 € hat, so kann man sich vorstellen, welch enormen Verlust dies für den Besitzer der 30 Reitpferde, Manuel Jorge de Oliveira, bedeutet hätte. Isabella jedoch geht es nicht so sehr um den finanziellen Verlust, der entstanden wäre, sondern um die Gesinnung der Täter, die für sie auf Missgunst und Neid basiert. „Manche aus der hiesigen Gegend lästern über uns, weil wir in ihren Augen ein Platz für Großkopferte sind“, so Isabella Sonntag. „Manche halten uns sogar für eine Sekte, die den Leuten das Geld aus der Tasche zieht. Alles schlichtweg an den Haaren herbeigezogen und alles auch deswegen, weil die Leute nicht verstehen, was wir wirklich machen und was unsere Philosophie ist.“

Isabella Sonntag ist eine Frau mit einem wachen und scharfen Verstand. Sie liebt Pferde und möchte, dass es diesen wunderbaren Geschöpfen, wie sie sagt, gut geht. Das aber, was sie seit vielen Jahren miterlebt, ist genau das Gegenteil: vielen Pferden geht es schlecht. In der Reiterszene werden viele Pferde für Sport-, Ego- und Image-Zwecke missbraucht und – wenn sie fertig sind, was in der Regel nach ca. sechs bis acht Jahren der Fall ist – ausrangiert und enden als Schlachtpferde. Ein Pferd jedoch kann, wenn es gut behandelt wird, 30 Jahre und mehr leben. „Mein Hengst Bobby ist jüngst mit 40 Jahren von mir gegangen“, so Isabella Sonntag. Oft werden die Pferde, so erfahre ich von ihr, die nur noch den Wert von Schlachtpferden haben, von finanzschwachen Reitvereinen billig eingekauft und fristen ein tristes Dasein als Schulpferde für Reitanfänger.

„Aber auch junge und gesunde Pferde erleben oft ein schlimmes Schicksal“, so Isabella Sonntag. „Sie werden von unerfahrenen Reitern eingekauft, die sie dann, anstatt sie zur Blüte zu bringen, „vermurksen“, weil sie nicht wissen, wie man ein Pferd richtig behandelt und wie man es so ausbildet, dass man mit ihm ein harmonisches Miteinander hat. Sich wirklich und richtig um ein Pferd zu kümmern heißt, alles über das Pferd zu wissen und zu lernen, z.B. wieviel Zeit muss ich mit ihm verbringen, wie muss ich es richtig reiten, wie muss ich es gymnastizieren, damit es überhaupt erlaubt ist, mein Gewicht darauf zu platzieren. Sehr oft werden die Pferde von den Menschen kaputt gemacht mit der Folge, dass sie beißen, steigen, buckeln, durchgehen usw. Dann sind es die schlimmen, bösen Pferde. Nicht selten schimpft man sie Verbrecher, aber die wirklichen Verbrecher sind die Menschen, denen die Pferde gehören.“

In all den Erzählungen von Isabella Sonntag geht es um die bestehende Pferde- und Reitkultur, um die es nicht gut bestellt ist und deren Niveau sehr stark abgesunken ist. Isabella Sonntag: „Wenn wir uns Bilder, Bücher oder Filme von verstorbenen Meistern der Klassischen Reitkunst ansehen, dann stellen wir fest, dass gleichwertige Bilder von Pferden und Reitern heutzutage fast nirgendwo mehr entstehen. Wir finden das bedauerlich, tragisch sogar. Denn diese Reitmeister, ihre Pferde und ihre Reitkunst zeigen das höchste Niveau, echte Balance und eine anmutige Verbindung zwischen Pferd und Reiter.“

Die oberste Instanz der deutschen Pferde- und Reitkultur ist die Deutsche Reiterliche Vereinigung. Ihre Aufgaben sind wie folgt festgelegt (Quelle Wikipedia):

„Arbeitsgebiete der FN sind die Organisation des Pferdesports als Turnier- und Breitensport sowie die Pferdehaltung und Pferdezucht. Wichtig sind dabei auch die reiterliche Aus- und Weiterbildung sowie die Beratung der Mitglieder. Die FN sieht sich als Ansprechpartner für alle Fragen, die das Pferd bzw. seine Zucht, Haltung, Ausrüstung, Ausbildung und Nutzung betreffen. Weitere Aufgabenbereiche ergeben sich daraus: Veterinärmedizin, Tierschutz, Interessenvertretung der Pferdesportler, Reitrecht und Landschaftsschutz. Ferner zählt die Deutsche Reiterliche Vereinigung es zu ihren Aufgaben, das Kulturgut Pferd ideell im Bewusstsein der Bevölkerung zu pflegen und zu bewahren.“

Isabella Sonntag ist der Ansicht, dass die Deutsche Reiterliche Vereinigung ihre Aufgaben nicht richtig und fachgerecht ausführt, und damit die heutigen Anforderungen nicht erfüllt. Sie weiß, wovon sie spricht, denn sie verfügt über enorme Erfahrungen in Sachen „Pferde“ und „Reiter“ und das, was man „Reiten“ nennt. Deshalb ist sie seit vielen Jahren damit befasst, die derzeit bestehende destruktive Pferde- und Reitkultur zu verändern und zu verbessern – zum Wohle der Pferde, aber ebenso zum Wohle der Reiteinheit Pferd-Mensch und einer gut funktionierenden Reitkultur, die die ethischen Grundlagen, notwendiges Wissen und Knowhow bietet, auf dem alle Reiter und Reitinstitutionen aufbauen können. In verschiedenen Gesprächen mit der Deutschen Reiterlichen Vereinigung hat sie die Erfahrung gemacht, dass diese nicht bereit ist, ihre alte, destruktive Pferde- und Reitstruktur aufzugeben. „Ein unbeweglicher und engstirniger Beamtenapparat, der am Wohl der Pferde nicht wirklich interessiert ist. Für diese Leute bin ich nichts anderes als eine Unruhestifterin.“

Isabella Sonntag hat ihren jahrelangen Kampf gegen die Deutsche Reiterliche Vereinigung aufgegeben, weil sie erkannt hat, dass sie damit nichts verändern kann. „Dagegen zu sein hat keinen Sinn“, sagt sie, „man muss zeigen, wie es richtig geht.“ Und so hat sich Isabella Sonntag aufgemacht, etwas zu schaffen, mit dem sie ihre Vorstellung einer guten, harmonischen und funktionierenden Pferde- und Reitkultur realisieren kann, eine eigene Reitanlage und ein eigenes Reitzentrum, in dem Reiter gemäß den Grundlagen einer neuen hochwertigen Reitkultur ausgebildet werden. Darin sieht sie die Chance, in der gesamten Reitszene nach und nach das Bewusstsein zu verändern und die alten starren Strukturen der Deutschen Reiterlichen Vereinigung aufzuweichen, damit neue Strukturen an ihrer Stelle entstehen können.

In dem portugiesischen Reitmeister der alten Schule, Manuel Jorge de Oliveira, den sie vor 15 Jahren kennen gelernt hat, fand sie einen der besten Ausbilder Europas, der sich ideal in ihre Kultur-Vision einfügte: Sie war diejenige, die die Vision einer neuen Pferde- und Reitkultur hatte, er war derjenige, der sie umsetzen konnte mit seinem kostbaren alten Wissen und seinem „Pinsel“, denn Manuel Jorge de Oliveira ist ein Künstler, der anderen die Kunst des Reitens beibringen kann. Heute ist auch die Tierärztin Christina Wunderlich, Tochter von Isabella, mit im Team – als Leiterin der Oliveira-Stables und als Schnittstelle zum Büro der Wu Wei-Welt.

In der Reitanlage bzw. „Schule für Reiter“ (portugiesisch: Escola de Equitacao) von Isabella Sonntag und Manuel Jorge de Oliveira geht es nicht darum, Anfängern Reitunterricht zu geben, sondern Reitkunst und Reitkultur zu vermitteln. In der Regel sind es Menschen mit einem eigenen Pferd, die zu ihnen kommen und eine 3-jährige Ausbildung durchlaufen, die sie mit dem Diplom eines Ausbilders abschließen. Menschen, die diese Ausbildung absolviert haben, tragen automatisch den neuen „Spirit“ einer hochwertigen Pferde- und Reitkultur in sich und bilden so eine neue Generation von Reitern, die ein anderes Bewusstsein haben als die meisten Reiter heute.

Isabella Sonntags Reitanlage in Waal ist damit nicht im üblichen Sinne das, was die Menschen unter „reiten lernen und praktizieren“ verstehen. Wenn man das eine als „Grundschule“ oder als „Spielplatz“ sieht, so ist die Reitschule von Isabella Sonntag und Manuel Jorge de Oliveira eine Akademie, in der es neben der Vermittlung einer exquisiten Reitkunst um das Verinnerlichen von Begriffen wie Kultur, Kultiviertheit, Niveau, Elegance, Kunst, aber auch um ethische Begriffe wie Respekt, Frieden, Weisheit, Stärke, Geduld, Einfühlungsvermögen, Selbstdisziplin geht.

Als ich mit Isabella Sonntag in der großen, gepflegten Reithalle saß und den Reitern und ihren Pferden zusah, kam mir ein Begriff in den Sinn, der mich nicht los ließ: Edel. Edle Pferde. Edle Reiter. So war es einst. Das heutige Reiten, die Pferde, die Reiter sind sehr oft das Gegenteil von edel. Nehmen wir die Menschen von heute, dann finden wir sehr viel Grobheit, Egoismus, Unkultiviertheit, Rücksichtslosigkeit – man würde solche Menschen nicht als „Lady“ oder „Gentleman“ bezeichnen. Im bekannten Musical „My Fair Lady“ wird ein einfaches, grobes Blumenmädchen aus den Londoner Gassen von einem Professor in eine „Lady“ umgeformt. Das Experiment gelingt.

Wir alle tragen den Keim einer „Lady“ oder eines „Gentleman“ in uns. Wir brauchen nur die richtigen Ausbilder, die den edlen Keim in uns entwickeln und fördern. Stellen wir uns vor: eine Gesellschaft von edlen Menschen, die edelmütig miteinander umgehen, aber ebenso edelmütig mit ihren Pferden umgehen, mit einem altruistischen, hochwertigen, kosmischen „Spirit“ – wäre es nicht etwas Wunderbares, in einer solchen Welt zu leben? Jeder Mensch hat eine niedere und eine höhere, edle Natur in sich, das hat schon der bekannte Pädagoge Pestalozzi gewusst, der allen Pädagogen den Rat gegeben hat, in den jungen Menschen die höhere, edle Natur zu entwickeln und zu fördern. In der „Schule für Reiten/Escola de Equitacao“ wird die höhere, edle Natur des Menschen, bezogen auf seine Aufgabe als Reiter, entwickelt, die ihn dann befähigt, edel mit seinem Pferd umzugehen und es so zu einem edlen „Ross“ zu formen. Auf diese Weise entsteht eine edle Beziehung zwischen Reiter und Pferd. Damit wäre die Mission von Isabella Sonntag „zum Wohle der Pferde“ erfüllt.

Wu Wei Welt e.K.
Isabella Sonntag
Oliveira Stables
Alleeweg 1 , D-86875 Waal
e-Mail: info@wu-wei-welt.com
www.wu-wei-welt.com

Isabella Sonntag an ihrem Lieblingsplatz in ihrer Reitanlage Waal mit der Autorin