Ist Liebe heute ein Luxus?

von Helene Walterskirchen
Ist Liebe heute ein Luxus?

Mutter-Kind-Liebe: die Autorin mit ihrer Tochter
Liebe ist kein schneller Konsumartikel, den man im Supermarkt kauft und sich selbst oder jemandem anderen schenkt. Liebe ist vielmehr ein kostbarer Schatz, der aus Komponenten besteht wie Zeit, Muße, Herz, Gefühle und Tiefe. Liebe ist kein Fertiggericht aus der Kühltruhe, sondern muss erst zubereitet und gekocht werden und währenddessen muss vom Koch/von der Köchin das mit in das Gericht einfließen, was man Liebe nennt, denn nur dann kann beim anschließenden Essen die „Liebe durch den Magen gehen“.

Liebe kann daher nicht auf die Schnelle zwischen zwei Terminen fließen, in denen man den Kopf ganz woanders hat und man im Verstand statt im Herzen ist. Liebe kann nicht mit schnellem Sex gleichgesetzt werden, in dem es ausschließlich um Lust und Triebe geht. Bei wahrer Liebe geht es um das Herz – das eigene, wie das eines anderen. Liebe setzt voraus, dass man bereit ist, in das eigene Herzen zu gehen und auf der Herzensebene mit jemandem zu kommunizieren. Es ist ein Zulassen, geschehen lassen und fließen lassen.

Liebe ist nur dort möglich, wo man sich selbst und den anderen gern hat und durch die gegenseitige Wertschätzung das Herz bereit ist, in die Tiefen des Sees der Liebe hinunterzusteigen und in die Liebe einzutauchen. Wenn man jemanden nicht wirklich gern hat und wertschätzt, wenn die gemeinsame Herzensebene nicht vorhanden ist, kann der Zauber der Liebe nicht entstehen.

Damit Liebe möglich sein kann, braucht es vorher ein inneres „ja“. Ja, ich bin bereit, mich mit allen Herzensgefühlen und Sinnen diesem Menschen zu öffnen, mich ihm hinzugeben, den Fluss der Liebe zu öffnen und zwischen ihm und mir fließen zu lassen. Ja, ich bin bereit, mich dem anderen von meiner Herzensebene aus zu zeigen, meine Ego-Masken abzulegen und mein Innerstes mit seiner Gefühlswelt, Verletzlichkeit und Weichheit zu offenbaren. Das kann im negativen Falle vom anderen als Schwäche angesehen und als Mittel zum eigenen Machtgewinn genutzt werden. Deshalb muss man sich sehr gut überlegen, wem man sein Herz öffnet und sich der Liebe hingibt.

Da ist es mit der sogenannten „sexuellen Liebe“, die nur ein Mittel für Lustbefriedigung ist, einfacher, denn es ist heute an der Tagesordnung, dass man mal mit diesem, mal mit jenem „schläft“. Danach geht man zumeist wie zwei Fremde auseinander. Die Herzen haben sich nichts zu sagen, waren überhaupt nicht im Spiel. Dadurch hat man sie quasi vor der Einflussnahme des anderen Herzens bewahrt, sich aber gleichzeitig auch eines wunderbaren Erlebnisses auf der Herzensebene versagt.

Es gibt heute sehr viele Menschen, die aus Angst vor Herz-Verletzungen lieber ein verstandes- und sexorientiertes Leben führen. Deshalb herrscht in unserer heutigen Gesellschaft ein sehr liebesarmes Klima, in dem vor allen Dingen eins gedeiht: Nichtliebe. Wir Menschen jedoch sind Wesen, die von Natur aus wahre Liebe brauchen und ohne diese nicht existieren können. Ohne Liebe werden wir, genauer unsere Psyche bzw. Seele, krank. Anfangs zeigen sich nur psychosomatische Beschwerden wie häufige Rückenschmerzen, Magenschmerzen, depressive Verstimmungen u.a., mit der Zeit jedoch entwickeln sich daraus auf der körperlichen Ebene regelrechte Krankheiten z.B. schwere Herzkrankheiten, Krebs oder Burnout.

Die größte Angst, die heute in unserer Gesellschaft herrscht, ist die Angst, in Sachen Liebe von jemandem verletzt, enttäuscht oder verlassen zu werden. Dieser Angst gegenüber steht jedoch die tiefe Sehnsucht aller Menschen nach wahrer Liebe. Angst auf der einen und Sehnsucht auf der anderen Seite, das erzeugt ein permanentes Spannungsgefühl im Menschen. Der Verstand ist voller Angst, das Herz ist voller Sehnsucht und zumeist beherrscht der Verstand das Herz, das er als schwach, romantisch naiv und ausnutzbar sieht. So glauben viele Menschen heute, dass ein Leben auf der Herzebene ein Zeichen von Schwäche und damit verbunden von Machtverlust ist. Coolness und tough sein werden stattdessen bevorzugt, damit ist man auf der vermeintlich sicheren Seite. Doch Herzen leiden in einem Klima der Eiszeit und Berechnung.

Die Menschen von heute haben sich eine Welt aufgebaut, in der die wahre Liebe fast so etwas wie ein Luxus ist. An die Stelle von wahrer Liebe haben sie zahlreiche andere „Lieben“ gesetzt, z.B. die Konsumliebe, die Internet-Liebe, die Facebook-Liebe, die Smartphone-Liebe, die virtuelle-Spiele-Liebe, die Autoliebe, die Fernsehliebe usw. Mit diesen Ersatzlieben befriedigen sie ihr Bedürfnis nach wahrer Liebe und erleben nichts als Leere, Unzufriedenheit und Kälte. Denn das Bedürfnis des Herzens nach wahrer Liebe und dem Austausch von Liebe wird durch diese Ersatzlieben niemals befriedigt.

An die Stelle von sich Zeit nehmen ist die Hektik und Schnelllebigkeit getreten. Man fliegt vom Computer zum Fernseher, vom Shopping-Center zum Kino-Center, vom virtuellen Spielen zum Smartphone-Tippen, vom Office zum Home-Office, von einem Projekt zum nächsten, vom Meeting zur Party, vom Karrieretrip zum Sextrip als Ausgleich usw. Man ist ja so hip! Und gleichzeitig ist man so unglücklich und unzufrieden, weil dabei die Liebe im Herzen verkümmert.

Liebe und Liebesgefühle werden oft als kompliziert und störend empfunden. Dazu braucht man Zeit, Zeit die man heute nicht hat, dazu braucht man Ruhe und Muße, die man ebenso nicht hat, weil man beruflich zumeist enorm unter Druck steht und täglich 12 bis 14 Stunden unter Stress arbeitet. In diesem Klima kann keine Liebe gedeihen und wird Liebe zu einem Akt der Anstrengung. Um wie viel einfacher ist es da, ein bisschen Sex hier und ein wenig Sex dort zu konsumieren und für einen kurzen Moment ein körperliches Wohlgefühl zu erleben.

Viele Menschen missachten ihre Gefühle und Bedürfnisse nach Liebe und tun so, als hätten sie alles super im Griff. Die zunehmenden psychischen Krankheiten bis hin zum Burnout jedoch sprechen ihre eigene Sprache: alles Schein. In Wirklichkeit sind die meisten ausgedörrt in Sachen „Liebe“ und im Inneren tief traurig über die Kälte und Einsamkeit in ihrem Leben.

Haben wir die wahre Liebe auf dem Altar des Konsums, der Smartphones und der sozialen Netzwerke geopfert, die uns ein reges Kontaktleben und Liebe vorgaukeln? Wir sind ständig auf der Suche nach Neuem, das uns wieder inspirieren kann, da uns das Vorhandene nicht mehr inspirieren kann. Jeder Kauf eines neuen Produktes, jede neue Beziehung, vermittelt uns wieder ein Gefühl von Zufriedenheit und Liebe, um kurze Zeit darauf wieder einer Leere Platz zu machen, die uns beständig durchs Leben begleitet und durch nichts zu beseitigen ist.

Liebe kann nur dort sein, wo unser Herz ist. Unser Herz braucht nicht ständig Neues, sondern ist das, was man traditionell oder auch altmodisch nennt. Es hängt an dem, was es liebt, was ihm gut tut, woran es sich freut. Das Herz ist sehr treu – treu dem Wesen und der Sache, die ihm am Herzen liegen. Das Herz erfreut sich am Kontakt mit anderen Herzen und es tut ihm weh, wenn es andere Herzen, die ihm zugeneigt sind, verletzt. Daraus resultiert auch der Spruch: Das Herz will liebhaben statt rechthaben.

Zwei Freunde erfreuen sich aneinander und an der Natur am Vierwaldstätter See
Die heutige Zeit lebt und liebt Action, ständige Veränderung, immer wieder Neues, immer wieder neue Reize. Das jedoch ist völlig gegensätzlich zum Herzen, in dem unsere Liebe lebt und pulsiert. Das Herz sucht die Tiefe des Moments und der Gefühle, braucht keinerlei Action, sondern intensives Erleben, Genießen, Eintauchen, Ruhe und Stille. Das Herz will sich dem Moment der Liebe hingeben, will Hinabtauchen in den Grund des großen Sees der Liebe, dabei Zeit und Raum vergessend.

Wir sind Wesen der Liebe. Wir sind nicht für Smartphones, Internet, Videos, Fernsehen oder virtuelle Spiele gemacht. Und ebenso sind wir nicht für soziale Isolation oder permanente Monologe gemacht. Sie nehmen uns jeden Raum für die Liebe, ja mehr noch, sie schaffen ein Strahlungsfeld um uns, das keine Liebe durchlässt. Damit wir unsere Antennen für die Liebe ausfahren und in Betrieb nehmen können, damit wir senden und empfangen können, müssen wir in uns und um uns ein Strahlungsfeld der Liebe aufbauen.

Lassen Sie mich Ihnen zum Abschluss einige Fragen stellen:

Wann haben Sie sich zuletzt den Luxus geleistet, in einen Moment der Liebe einzutauchen, sich diesem hinzugeben und ihn zu genießen? Unter Moment, meine ich nicht zehn Minuten, sondern einige Stunden oder einen ganzen Tag.

Wie oft gönnen Sie sich den Luxus eines intensiven Liebeserlebnisses? Gehört das zu ihrem täglichen Leben oder sind Sie der Meinung, es müsste einmal oder zweimal im Jahr reichen?

Sind Sie in Sachen „Liebe“ ein gesättigter oder hungernder Mensch? Die meisten Menschen haben ein erhebliches Liebes-Defizit und trösten sich mit allerlei „Ersatz-Lieben“ wie z.B. Fernsehen, Shopping, Essen, Trinken, virtuelle Spielwelten, Informationen u.a.

Fazit: Liebe gedeiht nicht an der Oberfläche, sondern nur in der Tiefe dessen, was man Herzensgrund nennt. Wer sich dorthin begibt, steigt aus Zeit und Raum aus und erlebt die grenzenlose Dimension der bedingungslosen und wahren Liebe. Das ist in unserer heutigen Zeit tatsächlich so etwas wie Luxus.