Manfred Hahn – Curator Musei Romani Aeliae Augustae

von Helene Walterskirchen
Manfred Hahn – Curator Musei Romani Aeliae Augustae

Manfred Hahn beim Interview im Triklinium im Römischen Museum Augsburg
Wo einst blühende Kulturen lebten, vor tausenden von Jahren, wo antike Gebäude, Monumente und Tempel standen, sind heute nicht viel mehr übrig als archäologische Bruchstücke, die in Museen ausgestellt sind, beispielsweise im Römischen Museum in Augsburg.

Augsburg gilt als bedeutende Römerstadt, denn die Siedlung Augusta Vindelicum wurde im 1. Jahrhundert n.Chr. durch Kaiser Hadrian (117-138 n.Chr.) in die Rechtsstellung eines municipium erhoben. Aus der Schrift „Die Römer in Schwaben – Jubiläumsausstellung 2.000 Jahre Augsburg“ vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege aus dem Jahr 1985 ist ersichtlich, dass dies im Jahre 120/121 n.Chr. gewesen ist, als der Kaiser auf seiner ersten großen Reise nach Gallien und Germanien auch Rätien besuchte. Die Stadt besaß fortan den offiziellen Namen „municipium Aelium Augustum“ oder einfacher „Aelia Augusta“.

Man kann sich vorstellen, welch reges Leben im damaligen „Aelia Augusta“ geherrscht hat und wie viele römische Kulturdenkmäler es damals dort gegeben hat. Wer mehr darüber wissen möchte, der sollte sich aufmachen in das Römische Museum in Augsburg. Vielleicht hat er Glück und begegnet dort dem Kurator/Leiter des Museums Manfred Hahn M.A., der auch immer wieder Führungen durch sein Museum macht. Man schließt sich ihm gerne an und lässt sich von seiner lockeren und positiven Art durch die Ausstellung führen, der er mit kleinen, oft heiteren Geschichten, eine lebendige Note verleiht.

Unser Gespräch findet im Triklinium (= römisches Speisezimmer) des Museums statt, das nur improvisiert Teile eines Raumes hat, jedoch drei typische Liegen, die im historischen Sinne nachgebaut sind, und zum Ruhen und geselligen Speisen einladen. Man fühlt sich in eine andere Zeit enthoben und fast hat man den Eindruck nicht mehr im 21. Jahrhundert, sondern etwa 2.000 Jahre zurück zu sein. Mit ein wenig Vorstellungskraft könnte man Manfred Hahn nicht in Hosen und Jacket sehen, sondern in einer römischen Toga.

Das Römische Museum Augsburg befindet sich seit dem Jahre 2012 nicht mehr in der Dominikanerkirche, sondern seit 2015 in der Toskanischen Säulenhalle im Zeughaus. Damals musste die Kirche aus statischen Gründen geschlossen werden und 160 tonnenschwere Steindenkmäler mussten mit Lastkränen und Spezialtransportern von der Kirche zum Zeughaus gebracht werden. Keine leichte Aufgabe, an die sich die nächste Herausforderung anschloss, die für Manfred Hahn und sein Team lautete: Wie müssen wir die Ausstellung in dem Provisorium gestalten, damit sie für die Besucher optisch ansprechend ist, aber dennoch für jedermann sichtbar bleibt, dass es sich um eine vorübergehende Lösung handelt?

Manfred Hahn: „Der Grundgedanke dabei war, dass uns der Besucher quasi beim Umzug zuschaut. Wenn Sie hier die Vitrinen und Kisten anschauen, dann hat das Ganze den Charakter von Euro-Paletten. Man kann also mit dem Gabelstapler reinfahren, alles hochheben und versetzen. Viele Kisten sind geöffnet, manche kann der Besucher selber öffnen, da die Deckel nur angelehnt sind. Das geht hin bis zu den Schriftzügen, die denen im Transportwesen gleichen und die man sonst auf Bananen- oder Orangenkisten findet. So ist unsere Ausstellung hier sehr einfach und reduziert, damit die Besucher gleich wissen: das ist eine schöne Ausstellung, aber sie ist ein Provisorium.“

Manfred Hahn zeigt der Autorin die Stapelkistenwand mit Exponaten, die Ausdruck davon ist, dass sich das Museum derzeit in einer Übergangslösung befindet

Mit dem Charakter des Römischen Museums als Provisorium hat Manfred Hahn noch einen anderen Hintergedanken: Er möchte nicht nur den Besuchern, sondern auch den Stadtvätern beständig vor Augen halten, dass das Römische Museum noch keinen festen Platz hat, sondern dringend ein eigenes Gebäude braucht, damit es seine vielen Exponate, von denen derzeit nur ein geringer Teil ausgestellt ist, präsentieren kann. Geplant ist ein Neubau nahe der Dominikanerkirche am Predigerberg – ein Vorhaben, das jedoch noch Jahre auf sich warten lassen wird, da alle Mittel der Stadt derzeit in die immense Restaurierung des Stadttheaters fließen.

Manfred Hahn bedauert es, dass die römische Geschichte und Darstellung in Augsburg immer ein Stiefkind war. „Dabei hätten wir so etwas wie ein Alleinstellungsmerkmal. Augsburg war über Jahrhunderte römische Provinzhauptstadt und wir haben hier in Süddeutschland eine der größten Sammlungen. Wir bekommen ständig Anfragen von anderen Museen, die sich bei uns Objekte für Sonderausstellungen ausleihen wollen – und zwar nicht nur deutschlandweit, sondern europaweit. Wir haben Anfragen aus Mailand, Venedig, London oder Kopenhagen. Das heißt ganz klar: Unsere Exponate hier in Augsburg sind sehr wichtig und werden auch überall wertgeschätzt. Ich glaube, das ist bei vielen Augsburgern noch nicht so richtig ins Bewusstsein gekommen.“

Derzeit hat das Römische Museum eine Ausstellungsfläche von 780 qm Fläche, in der Dominikanerkirche waren es um die 1.000 qm. Manfred Hahn: „Wir haben jedoch so viele Objekte, dass wir damit leicht das Vierfache an Ausstellungsfläche füllen könnten.“ Er berichtet weiter, dass sich derzeit der größte Teil der Exponate im Archäologischen Depot in der Nähe des Textil- und Industrie-Museums befindet. „Augsburg verschenkt hier meiner Meinung nach, ganz große Möglichkeiten der Außenwirkung, d.h. für Touristen, Studenten anderer Universitäten usw.“ Er würde es begrüßen, wenn die Stadt Augsburg mehr Engagement in Sachen „neues Römer-Museum“ zeigen würde.

Manfred Hahn ist seit 2009 Leiter des Römischen Museums. Der gebürtige Augsburger hat Geschichte studiert und danach, wie er sagt, im Bereich Archäologie von der Pike auf angefangen mit Scherbenwaschen, Funde bestimmen und archivieren sowie bei Sonderausstellungen mitarbeiten. Danach war er für den Bereich Museumspädagogik zuständig, hat Sonderausstellungen eingerichtet sowie Führungen organisiert und durchgeführt. Daneben hat er einen Lehrauftrag an der Philologisch-Historischen Universität in Augsburg in Sachen „Alte Geschichte“. Mit seinen Studenten entwickelt er beispielsweise kleine Ausstellungen, die er dann mit ihnen in der Praxis umsetzt. „Gerade behandeln wir das Thema ‚Verkehrswesen‘ und hierzu haben die Studenten ganz eigene Poster entworfen, angepasst an ihr Referat. Im Sommer möchte ich gerne etwas zur römischen Ernährung machen, z.B. welches Getreide gab es damals, wie war die Versorgung allgemein usw.“

Auf meine Frage, ob er eine besondere Verbindung zu den Römern hat, antwortet Manfred Hahn:

„Das war keine Liebe auf den ersten Blick, wie bei so manchen Schülern oder Studenten, sondern hat sich erst mit der Zeit entwickelt. Als ich alles am Anfang erfasst und mich intensiv damit befasst habe, bin ich immer mehr in den Geist von damals eingestiegen und es entstand eine schöne Verbindung. Auch wenn ich so manche Objekte sehr interessant finde, so interessiert noch viel mehr die Geschichte hinter den Objekten, also die Geschichte der Menschen, die diese damals verwendet haben oder was damit geschehen ist. Das erst macht Geschichte lebendig. Wenn ich Führungen mache, dann ist es für mich wichtig, Geschichten zu den jeweiligen Ausstellungsobjekten zu erzählen. Das kommt bei den Besuchern – ganz gleich ob Klein oder Groß – sehr gut an.“

Die Ausstellungen haben sich im Laufe der Jahrzehnte verändert, erfahre ich von Manfred Hahn, da sich auch die Besucher und ihre Bedürfnisse geändert haben. „Die Besucher von heute sind anders, gerade die jungen Menschen. Früher war es üblich, dass die Besucher in einer Ausstellung von A nach Z gingen, ganz gleich, ob sie an den Objekten interessiert waren oder nicht. Heutige Ausstellungen sind nach Themenblöcken aufgebaut, so dass sich die Besucher gezielt den Blöcken zuwenden können, die sie interessieren und die anderen auslassen können.“ Und doch bleibt so manches über die Jahrzehnte gleich, erfährt man von Manfred Hahn, beispielsweise dass von Grundschulen in und um Augsburg die jeweils 4. Klassen in dem Fach Sozial- und Heimatkunde ins Museum kommen. Dann ist der Museums-Pädagoge in ihm gefordert, der Smartphone-Generation die römische Geschichte so interessant wie möglich zu präsentieren. Er bedauert es etwas, dass weniger Schulklassen von Gymnasien kommen, da diesen durch den Ganztagsunterricht die Zeit fehlt.

Das Museum ist auch auf Behinderte, beispielsweise Blinde, ausgerichtet, die bestimmte Ausstellungsstücke anfassen dürfen und so das Kunstwerk erspüren können. Auch Tafeln mit Blindenschrift stehen im Museum zur Verfügung.

Manfred Hahn und die Autorin vor dem Block der Schiffslände-Ausstellung

Hat ein Museumsleiter ein Lieblingsstück in seiner Ausstellung? frage ich Manfred Hahn. Es sind zwei erfahre ich von ihm: Einmal eine Sphinx aus Stein und dann der Ausstellungsblock „Schiffslände“ in der Mitte des Museums. „Die Schiffslände hat zur Uferbefestigung des Lechs gedient und wurde vor nicht allzu langer Zeit im östlichen Teil Augsburgs gefunden. Mit den archäologischen Relikten der Schiffslände möchte ich den Besuchern bewusst machen, dass damals die wichtigste Handelsverbindung nicht die Via Claudia war, sondern der Lech.“

Auch wenn es in einem Museum scheinbar ruhig und beschaulich zugeht, so spielt das Thema „Besucherzahlen“ doch eine bedeutsame Rolle, denn ein Museumsbetrieb lebt davon, dass viele Besucher kommen, insbesondere zu Sonderausstellungen. Manfred Hahn: „Das erste, worüber immer gesprochen wird, ist die Anzahl der Besucher. Daran misst sich der Erfolg einer Ausstellung. Ich habe jedoch kein „Einschaltquoten-Denken“, wie das heute oft so üblich ist. Für mich ist eine kleine Gruppe, die nach einer Führung mit einem gewissen Verständnis hinaus geht wichtiger als eine große Gruppe von 100 oder 200 Leuten, die ich durchschleuse, an denen jedoch nichts hängen bleibt, die vielleicht nur deshalb gekommen sind, weil es draußen regnet.“

So sind Manfred Hahn auch Kindergeburtstage im Römischen Museum herzlich Willkommen, denn es macht ihm Freude, den Kleinen zu zeigen, wie einst römische Kinder ihren Geburtstag gefeiert haben. „Wir haben eine Truhe mit römischen Kinderkleidern, Togen und Tuniken, für Jungen und Mädchen, die dürfen die Kinder dann anziehen. Danach machen wir Spiele, die die römischen Kinder damals gespielt haben oder wir spielen Schule, schreiben auf Tafeln oder basteln einen Lorbeerkranz – das macht den Kindern immer viel Spaß. Und natürlich gibt es im Triklinium dann auch etwas zu essen für die Kinder, aber keinen Hamburger oder Cola, sondern richtig römische Speisen und Getränke. Bei solchen Veranstaltungen kann es im Museum schon mal laut werden, aber dann dürfen die Besucher auch tolerant sein.“

Ist Manfred Hahn so etwas wie ein Repräsentant des früheren Römisches Reiches? Er schmunzelt und meint: „Das hängt hoch, so weit würde ich nicht gehen. Eher ein Vermittler dessen, was die Archäologen in Augsburg und Umgebung ausgegraben haben, ein Umsetzer der Fundstücke. Es gibt schon Dinge, die mich faszinieren, z.B. der Pragmatismus der Römer, dass jeder seinen Glauben haben durfte, solange er den Staatsglauben nicht angriff, da fühle ich mich dann schon ein Stück wie ein Römer. Der Staat hat jeden Glauben zugelassen und auch in sein System integriert. Das imponiert mir und zeigt mir, dass das Römische Reich nicht umsonst fast 1.000 Jahre lang funktioniert hat. Ich sehe jedoch insgesamt die römische Geschichte nicht unkritisch und teile nicht alles.“

Auf dem Rückweg gehen mir Zukunftsgedanken durch den Kopf: Wie es wohl einmal in 2.000 Jahren, also im Jahre 4.018, sein wird? Werden wir dann neben dem Römischen Museum ein „Konsum-Gesellschafts-Museum“ in Augsburg haben und werden dann der Kurator und die Autorin darüber sprechen, wie die Menschen im beginnenden 3. Jahrtausend gelebt haben und die Fundstücke der damaligen Zeit anschauen, beispielsweise Einkaufswägen, nachgebaute Supermarkt-Kassen oder Leuchtreklamen?

Manfred Hahn mit seinem „Lieblingsrömer“, Kaiser Augustus (* 63 v.Chr. als Gaius Octavius in Rom), eine Nachbildung im Römischen Museum Augsburg

Römisches Museum Augsburg
Toskanische Halle im Zeughaus
Zeugplatz 4
D-86150 Augsburg
0821/3244131
Geöffnet: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr