Prof. Christian Kreiß – Chevalier in Sachen Volkswirtschaft

von Helene Walterskirchen
Prof. Christian Kreiß – Chevalier in Sachen Volkswirtschaft

Christian Kreiß vor seiner häuslichen Bibliothek mit einem seiner Lieblingsbücher, denn Lesen gehört mit zu seinen wenigen, aber wichtigen Hobbies

Wer die Sachbücher von Prof. Christian Kreiß liest, unter anderem „Profitwahn“, „Geplanter Verschleiß“ oder „Gekaufte Forschung“ mag den Eindruck eines Mannes haben, der mit der Faust auf den Tisch schlägt und kein Blatt vor den Mund nimmt. Wer jedoch den 55-Jährigen persönlich kennenlernt und sich eingehender mit ihm beschäftigt, wird einen tiefgründigen, feinsinnigen, bescheidenen und achtsamen Menschen entdecken, der sich auf dem Weg seiner ganz persönlichen Kultur-Mission befindet. Diese heißt „Menschengerechte Wirtschaft“ und basiert auf vier Säulen.

1. Wege in eine Wirtschaft, die Mensch, Tier und Umwelt gerecht wird.
2. Maßnahmen, die zu einer wirklich freiheitlichen Marktwirtschaft führen können.
3. Hintergründe aktueller wirtschaftlicher Entwicklungen.
4. Weichenstellungen, die in ein menschenwürdiges Dasein und echte Demokratie ermöglichen.

Bei meiner Begegnung mit Christian Kreiß in seinem Privathaus im Münchner Westen erschien er mir wie ein Chevalier, dessen höfische Courtoisie jedes Damenherz höher schlagen lässt. Ein dezenter Mensch, der sich gerne in seinem Inneren versteckt und sehr genau abwägt, wem er darin Einblick gewährt. Und tut er dies dann einmal, so macht er sogleich klar, dass es sich um seine Privatsphäre handelt, deren Vertraulichkeit er voraussetzt. Er ist, und daran lässt er nicht deuteln, Ökonom, allerdings einer, der nicht im Mainstream mitschwimmt, sondern seine ganz eigene Ansicht dazu hat.

Christian Kreiß hat nach dem Abitur Volkswirtschaft studiert und 1992 zum Thema „Kartellpreispolitik 1924-1932“ in Wirtschaftsgeschichte promoviert. Daneben war er als junger Mann drei Jahre Greenpeace-Aktivist und auch kurze Zeit bei den Grünen, wo er jedoch bald wieder austrat.

Sein Berufsweg führte ihn danach ins Investmentbanking verschiedener Banken, unter anderem in die Dresdner Bank Gruppe, wo er von 1998 bis 2002 tätig war. Er war anfangs begeistert und fasziniert vom Investment-Banking, wo nur eines im Mittelpunkt stand: Wie kann ich Aktien möglichst gewinnbringend anlegen? Christian Kreiß: „Wenn Kollegen wieder einmal an der Börse satte Gewinne gemacht hatten, so öffneten sie eine Flasche Champagner und tanzten um den Bildschirm in der Mitte herum wie um das goldene Kalb. Dass da draußen in der Welt Menschen hungerten und die Erde zerstört wurde, blendeten sie total aus. Sie waren total fixiert auf Geld, Aktien, Gewinn und Gewinnmaximierung“. Auch er, das gibt er gerne zu, spielte damals in der verlockenden Aktienwelt mit.

Im Alter von Mitte bis Ende 30 wachte Christian Kreiß aus dem Investment-Banking-Wahnsinn auf und begann, die Dinge rund um Ökonomie und Investmentbanking mit anderen Augen zu sehen. Er begriff, dass der jetzige Kurs – früher oder später – dem Abgrund zusteuert. Stattdessen befasste er sich mehr und mehr sich mit den Grundlagen einer ethisch hochwertigen Wirtschaft.

Christian Kreiß: „Es gibt zwei gegensätzliche ethische Richtungen in der Ökonomie: die eine ist, dass wir in allem das sehen, was man „göttliche Schöpfung“ nennt, das kann beispielsweise der rotbackige Apfel am Baum sein oder der frisch gepresste Demeter-Apfelsaft, der aus wunderbaren Früchten der Erde gewonnen wird und dann im Verlauf der Produkt- und Handelskette an den Verbraucher gelangt und diesem etwas Gutes bringt, nämlich Gesundheit und Wohlbefinden. Wenn wir dieses Bild im Zusammenhang mit Ökonomie vor Augen haben, dann handelt es sich um eine menschliche und ethische Wirtschaft.

Wenn wir jedoch von Anfang an bis zum Ende nur darauf ausgerichtet sind, irgendwelche Äpfel aus konventioneller Landwirtschaft, bespritzt mit Pestiziden, möglichst billig einzukaufen oder den daraus gewonnen Saft möglichst teuer zu verkaufen, um einen satten Gewinn zu erzielen, wenn uns die Verbraucher und deren Gesundheit völlig egal sind, dann haben wir es mit einer rein profitorientierten, unmenschlichen und unethischen Ökonomie zu tun. Manche Unternehmer oder Wirtschaftsleute, die man als alternativ bezeichnet, sprechen von einer zunehmenden Entseelung in der Wirtschaft, die dadurch entsteht, dass es nur noch um Profitmaximierung geht. Mit dieser egoistischen Haltung ruinieren wir die Erde, die Menschen und uns selbst.“

Auf meine Frage, welche Rolle das Geld dabei spielt, antwortete Christian Kreiß: „Geld ist, ökonomisch gesehen, ein geniales Austauschmittel zwischen den Menschen und wäre eigentlich ein Segen. Das Geld ist jedoch leider eine enorme Versuchung für manche Menschen, ihre Mitmenschen von der Wirklichkeit abzuziehen, d.h. von der Beschäftigung mit den wesentlichen lebensphilosophischen Fragen, so dass sie dem Geld verfallen. Das geht dann soweit, dass man im Dinkel auf dem Acker nicht mehr das Lebenskorn sieht, das die Erde hervorgebracht hat, sondern nur noch die seelenlose Ware, die man verschachern kann. Das Geld abstrahiert den Menschen und zieht ihn in einen Egoismus ab, bei dem alle Ethik zurückbleibt und es nur noch darum geht, die Rendite zu maximieren. Dadurch wird der Geist des Menschen irgendwann krank.“

Seit 2002 ist Christian Kreiß an der Fachhochschule Aalen tätig. Als Professor unterrichtet er folgende Lehrgebiete: Allgemeine Volkswirtschaftslehre, Finanzwirtschaft, Investitions- und Finanzplanung, BWL-Fallstudien und Unternehmensplanspiel. Er bringt seinen Studenten nicht nur das Einmal-Eins der Volkswirtschaft bei, sondern er lässt sie auch hinter die Fassaden des Volkswirtschaftsspiels schauen, damit sie erkennen, wie die Umverteilung aussieht, auf welchem Boden die Wirtschaft steht usw. Wenn er mit seinen Studenten Planspiele macht, dann zeigt er ihnen, dass es nicht nur darum geht, möglichst viel Profit zu machen, sondern auch an die gute Sache zu denken, z.B. wie kann Voelkel oder Demeter wieder ein neues, biologisches Produkt herstellen, das den Verbrauchern draußen zugutekommt.

Neben seiner Tätigkeit als Hochschulprofessor ist Christian Kreiß seit mehreren Jahren auch als Sachbuch-Autor tätig und schreibt über verschiedene wirtschaftliche Themen, die ihm am Herzen liegen. 2013 erschien sein erstes Buch „Profitwahn – Warum sich eine menschengerechte Wirtschaft lohnt“. Zwischenzeitlich hat er vier Bücher dieser Art geschrieben und arbeitet bereits am nächsten.

Daneben hält Christian Kreiß auch immer wieder Vorträge und Workshops zu seinen Themen. Er setzt, wie er sagt, „einen Großteil seiner Lebenskraft für seine Mission ein“, und bezeichnet sich selbst schmunzelnd als notorischen Weltverbesserer.

Auf meine Frage: „Glauben Sie, man kann die Welt verbessern?“ gab Christian Kreiß zur Antwort: „Natürlich kann man die Welt verbessern. Ich kann mich jeden Tag dafür entscheiden eine konventionelle Birne, die mit Pestiziden gespritzt wurde, oder eine nach Demeter-Maßstäben angebaute Birne zu essen. Und ebenso kann ich mich entscheiden, den kurzen Weg zum Briefkasten mit dem Auto oder mit dem Fahrrad zu fahren. Das bedeutet ganz klar: Jeder von uns kann täglich die Welt beeinflussen und verbessern. Die Formel hierbei lautet: Herz statt Egoismus – Herz für die Mitmenschen, die Tiere, die Welt, die Natur, denn wir sind alle miteinander verbunden und wenn es den anderen gut geht, geht es auch mir gut. Den Egoisten jedoch interessiert nur sein eigenes Wohl.“

Christian Kreiß glaubt an eine christliche orientierte Welt jenseits der Konfessionen, in der das Geld nur eine Nebensache ist, und die darauf aufgebaut ist, dass jeder jeden respektiert, weil jeder, auch das kleine Marienkäferchen, eine göttliche Schöpfung ist. „Wenn wir jedoch den Menschen nur als Klumpen Atome sehen, dann kann ich ihn ins KZ oder ins Gulag stecken und mit ihm machen, was ich möchte. Wenn ich allerdings ein Geschöpf Gottes in ihm sehe, gehe ich ganz anders mit ihm um, egal ob er Christ, Buddhist oder Moslem ist. Je mehr Menschen das begreifen, umso besser für eine menschengerechte Welt und eine menschliche Wirtschaft.“

Beim Abschied war Christian Kreiß wieder ganz der höfliche Chevalier, der hintergründig und leise lächelte, so, als könne er kein Wässerchen trüben und der doch mutig auf seinem Weg für eine menschengerechte Volkswirtschaft voranschreitet.

Website: www.menschengerechtewirtschaft.de

Prof. Dr. Christian Kreiß und die Autorin nach einem tiefgründigen Gespräch mit vielen gemeinsamen Berührungspunkten in Sachen Volkswirtschaftskultur


In unserer Rubrik „Schloss-Perlen“ können Sie unsere Rezensionen zu zwei seiner Bücher nachlesen: „Geplanter Verschleiss“ und „Werbung – nein danke“.