Selbsthinterfragung führt zum Frieden

Friedenskolumne mit Helene Walterskirchen
Selbsthinterfragung führt zum Frieden

Wenn uns ein lieber Mensch verlässt, der uns ewige Treue geschworen hat, oder wenn uns jemand, der uns anfangs freundlich begegnet ist, plötzlich beschimpft, so kann uns das sehr treffen. Wir können dann tief verletzt sein; wir können auch empört oder sogar wütend sein. Wir sehen den anderen als Verursacher und Schuldigen und uns selbst als Unschuldslamm, dem Unrecht geschehen ist und der/die nicht versteht, warum sich der andere so böse und gemein verhält.

In diesem Fall sollten wir mit einer gänzlich anderen Sichtweise an den Sachverhalt herangehen. Ich nenne sie „Selbsthinterfragung“. Wer diese Methodik beherrscht und diese Sichtweise in sich verankert hat, wird alles, was ihm/ihr in seinem/ihrem Leben widerfährt, aus diesem Blickwinkel betrachten. Es tritt dadurch kein Unfrieden auf, sondern nur Frieden. Und selbst, wenn einmal eine Nuance Unfrieden aufblitzt, so wird sie durch diese Methodik ganz schnell wieder in Frieden gebracht.

Wie gelangt man nun zu dieser Einstellung bzw. Methodik?

Sie setzt folgendes voraus: Man geht in jedem Fall davon aus, dass das, was einem widerfährt, einen höheren bzw. tieferen Sinn hat. Nichts kommt per Zufall ins Leben. Nichts will uns Schaden zufügen. Nichts will uns Böses. Hinter allem steckt vielmehr eine übergeordnete Weisheit, die genau das Ereignis, das in diesem Moment passiert, zu einem geführt hat, weil sie damit etwas beabsichtigt. Es kann sein, dass wir in unserem Leben eine Kurskorrektur brauchen, um uns selbst oder etwas zu verändern. Es kann sein, dass uns etwas vor Augen geführt werden oder bewusst gemacht werden soll.

Dass wir genau das erleben, was wir jetzt erleben oder was uns widerfährt, gibt eindeutig Hinweis darauf, dass es nur mit uns zu tun hat, vielleicht noch mit unserem Kontrahenten, aber primär einmal mit uns selbst. Denn, wenn es nicht mit uns zu tun hätte, dann wäre es uns nicht widerfahren oder würde uns auch gar nicht im Inneren treffen. In dem Moment, wo wir verletzt, betrübt oder ärgerlich sind, hat die Sache eindeutig mit uns zu tun und muss auch von uns selbst bearbeitet und geklärt werden.

Wir tun deshalb gut daran, alle verletzenden oder entrüsteten Gefühle auf die Seite zu schieben und uns daran zu machen, uns selbst zu hinterfragen, was uns diese Sache sagen oder bewusst machen möchte. Wo stimmt eventuell etwas nicht im eigenen Leben, in den eigenen Ansichten oder Gefühlen? Wo ist man womöglich auf einem falschen Weg? Wo braucht es Veränderung, um zu noch mehr Frieden, Liebe und Egofreiheit zu kommen? Es lohnt sich in diesem Moment, den anderen als Sparring-Partner zu betrachten, der einem nichts Böses, sondern nur helfen möchte oder vielleicht sogar muss, weil er im übergeordneten Sinne die Rolle als Sparring-Partner übernommen hat.

Man wird immer Gründe finden, die die Ursache des Missgeschicks oder des Unglücks sind. Gründe, die nur mit einem selbst zu tun haben. Oft erkennt man daraus den falschen Kurs, auf dem man sich seit einiger Zeit befindet. Oder die Verblendung, in der man verhaftet ist, und aus der es endlich Zeit wird aufzuwachen. Oder man erkennt an sich ungute Eigenschaften, die es nun endlich an der Zeit ist, loszulassen, da man sonst auf seinem Weg der Selbstveredelung nicht vorankommen würde.

Quintessenz: Man ist immer selbst die Ursache von dem, was einem geschieht. Nicht die anderen sind die Ursache. Allenfalls sind sich zwei Betroffene gemeinsame Sparring-Partner und dürfen dem jeweils anderen Spiegel und Lehrer sein.

Eine solche Sichtweise und Methodik mag für manche Menschen, die es gewohnt sind, sich selbst als Unschuldslämmer und die anderen als die Bösen zu sehen, ungewohnt und nicht ganz leicht sein. Oft ahnt man ja auch nicht, dass die Beziehung mit einem Menschen, dem wir uns in Sympathie oder Liebe öffnen, eine schicksalhafte sein wird – eine, in der es schon vorgesehen ist, dass man irgendwann füreinander Sparring-Partner sein wird. Der Schmerz oder die Wut, in die wir dann fallen, wirft die grundsätzliche Frage auf, ob wir nicht ungesunde oder egoistische Beziehungssichten und –Verhaltensweisen haben, die es im weiteren Verlauf unseres Lebens und der Lebensschule, durch die wir gehen, zu ändern gilt.

So gesehen, gibt es nichts Schlechtes oder Böses, was uns widerfährt, sondern ist genaugenommen alles ein Geschenk einer höheren Führung, die uns mit unseren Schattenseiten konfrontiert, um uns die Chance zu geben, dass wir sie erlösen und uns davon befreien. Wir dürfen nur eines: uns dem ganzen Prozess vertrauensvoll hingeben, so schmerzlich er im ersten Augenblick auch sein mag. Wir dürfen darauf vertrauen, dass alles zu unserem Besten geschieht. Wir brauchen also nichts und niemandem Böse sein, sondern sollten eher dankbar sein. Indem wir in den Frieden kommen, können wir den Schmerz oder Ärger loslassen und auf unserem Entwicklungsweg weitergehen – wieder ein Stück transformiert, geläutert, veredelt und freier. Wir dürfen gewiss sein: das war nicht die letzte Lernlektion für uns, die nächste steht schon für uns bereit. Solange wir leben, entwickeln wir uns, d.h. wir wickeln uns aus den Bandagen des Egoismus, des Unfriedens, der Nichtliebe und unserer dunklen Seiten aus. Dabei helfen uns andere Menschen und die Dinge, die sich in unserem Leben ereignen und uns tief treffen. Denn bekanntlich lernt der Mensch aus dem, was ihm weh tut, am besten.