Zeitreise ins Jahr 1917: Eugenio Pacelli – Bote des Friedens

Kulturgeschichte von Helene Walterskirchen:
Zeitreise ins Jahr 1917: Eugenio Pacelli – Bote des Friedens

Kardinalstaatssekretär Pacelli in seinem Arbeitszimmer (Quelle Buch „Von Pius XI. zu Pius XII, herausgegeben vom Bischöflichen Ordinariat, Verantwortlich: Generalvikar Dr. M. Prange, 1939)

Wir Menschen heute sind die Summe unserer Vorfahren und damit unserer gemeinsamen Vergangenheit. Wir leben zwar im Hier und Heute und tun gut daran, uns mit unserer Gegenwart zu beschäftigen, denn, wie schon der Volksmund sagt: „Im Jetzt spielt die Musik“, aber dennoch sollten wir uns bewusst sein, dass unser Hier und Heute auf dem aufbaut, was man Vergangenheit nennt.

Hin und wieder ist es sogar ratsam, einen Blick zurück zu tun, um sich bewusst zu werden, wie vergänglich die Zeit und das Leben ist. Schon ein Sprung von 100 Jahren zurück in die Vergangenheit, also in das Jahr 1917, entführt uns in eine völlig andere Zeit. Die Menschen, die damals lebten, empfanden ihre Zeit als Gegenwart. Sie hätten sich nicht vorstellen können, dass wir Menschen des Jahres 2017 einmal eine Zeitreise zurück zu ihnen machen würden.

Was motiviert mich, diese Zeitreise zu machen? Wir halten uns für moderne, aufgeklärte, fortschrittliche Menschen und können uns keine andere Welt vorstellen, als die Welt des Jahres 2017. Wir halten die Menschen und die Zeit um 1917 für rückständig und altmodisch, weil sie all die modernen Einrichtungen, die wir heute haben, wie Laptop, Tablet, Smartphones, Apps, Internet und E-Mail nicht kannten und folglich auch nicht nutzen konnten. Sie schrieben ihre Briefe noch mit der Hand oder einer manuellen Schreibmaschine und versendet wurden sie klassisch mit der Post.
Wenn man einen Zeitsprung vom Jahr 2017 zurück ins Jahr 1917 macht, wird man erkennen, dass sich die Menschen von damals ebenso als „moderne, aufgeklärte und fortschrittliche Menschen“ sahen – im Rückblick betrachtet mit ihren Vorfahren des Jahres 1817. Im Jahr 1917 gab es immerhin schon Telefone, Autos und elektrisches Licht – all das gab es 1817 noch nicht.

Im Jahr 1917 standen andere Menschen auf der Bühne des Lebens, die sich ebenso wichtig genommen haben, wie wir Menschen uns im Jahr 2017. So wie wir heute jeden Tag darum bemüht sind, unser Leben so gut wie möglich zu leben und den Anforderungen, die das Leben an uns stellt, gerecht zu werden, waren es einst die Menschen Anfang des 20. Jahrhunderts. Nur die Bühnen und ihre Rahmenbedingungen waren anders.

Wir schreiben das Jahr 1917 und reisen in die bayerische Landeshauptstadt München, konkret in das Erzbischöfliche Ordinariat, das Zentrum der Verwaltung des Erzbistums München und Freising. In Wikipedia heißt es dazu:

„Das Erzbischöfliche Ordinariat München ist die Kurie (Verwaltungsbehörde) des Erzbistums München und Freising. Es nimmt im Auftrag und im Namen des Erzbischofs von München und Freising die Aufgaben der Bistumsverwaltung wahr und unterstützt den Diözesanbischof bei der pastoralen Leitung des Erzbistums.

Das Erzbischöfliche Ordinariat ermöglicht und fördert die Entwicklung und das Gelingen einer zeitgemäßen Seelsorge vor Ort. Da das Erzbischöfliche Ordinariat also auch der Ausübung des Apostolates dienen soll, übernimmt es ebenso Aufgaben, die sich aus der pastoralen Situation des Bistums ergeben (Würzburger Synode, 1976). Im Ordinariat sind alle Dienste und Ämter der erzbischöflichen Gerichtsbarkeit (Offizialat), der Finanzverwaltung (Erzbischöfliche Finanzkammer) und der allgemeinen Verwaltung (Generalvikariat), zusammengeführt. Es handelt sich im Wesentlichen um Dienstleistungen für die Leitung des Erzbistums, für die Pfarreien und Dekanate, für die Kirchenstiftungen, im Bedarfsfall auch für einzelne Katholiken. Außerdem ist es mit seinen Fachstellen wichtiger Ansprechpartner für Politik, Gesellschaft und Medien.“

Dem Ordinariat angegliedert ist das Domkapitel, auch Metropolitankapitel „zu unserer Lieben Frau in München“. Im Wikipedia erfahren wir hierzu:

„Dem Domkapitel oder dem Metropolitankapitel Zu Unserer Lieben Frau in München gehören zwölf Geistliche an: zehn Kapitulare sowie der Dompropst und der Domdekan. Die Mitglieder des Domkapitels nehmen insbesondere an den feierlichen Gottesdiensten des Erzbischofs zu den kirchlichen Hochfesten teil. Das Domkapitel wirkt als Konsultorenkollegium bei der Leitung und Verwaltung der Erzdiözese mit. Es erstellt auch eine Vorschlagsliste für den Fall, dass der Bischofsstuhl vakant wird.“

1917 war eines der Mitglieder des Metropolitankapitels mein Großonkel Konrad Graf von Preysing, damals 37 Jahre alt. Wiederum aus Wikipedia können wir folgende geschichtliche Daten erhalten:

„Er (Konrad Graf von Preysing) lernte den seit 1917 in München, seit 1920 zugleich auch in Berlin akkreditierten Apostolischen Nuntius Eugenio Pacelli kennen, der sich in den 1920er-Jahren wiederholt seiner diskreten Assistenz bediente. Die enge Beziehung zu Pacelli, dem späteren Pius XII., der 1930 das Amt des Kardinalstaatssekretärs übernommen hatte, war wohl nicht ohne Einfluss auf den Entschluss von Pius XI. Preysing, am 9. September 1932 zum Bischof von Eichstätt zu ernennen […].“

1935 wurde mein Großonkel Bischof und später Kardinal von Berlin. In dieser Zeit, genauer 1939, schrieb er das Vorwort zu dem 100-seitigen Büchlein „Von Pius XI. zu Pius XII.“ herausgegeben vom Bischöflichen Ordinariat Berlin. Das Büchlein beginnt mit dem Tod des Papstes Pius XI. und endet mit der Wahl und der Krönung von Papst Pius XII. Dazwischen wird im Hauptteil vom Leben und der Entwicklung des jungen Eugenio Pacelli (geboren 1876) hin zum Priester und weiter bis zur Übernahme des Papstamtes berichtet. Wir greifen uns hieraus das Jahr 1917 heraus (Wortwahl und Rechtschreibung entsprechen der damaligen Zeit):

Titularerzbischof von Sardes und Apostolischer Nuntius in München
Als nun im Jahre 1917 der Apostolische Nuntius in München, Monsignore Aversa, starb, wußte Benedikt XV., der Pacelli in jahrelanger Zusammenarbeit in der Kongregation für außerordentliche Angelegenheiten in Tugend und Talent, in Wesen und Wissen kennengelernt hatte, für diese überaus wichtige Mission keinen Geeigneteren als diesen, seinen früheren, jetzt 41jährigen Mitarbeiter. Am 21. April 1917 ernannte er ihn zum Nuntius in München. Und der Papst selbst erteilte ihm zuvor, als wollte er ihm einen ganz besonderen Segen auf dem Wege nach Deutschland in schwerster Zeit mitgeben, am 13. Mai 1917 in der Sixtinischen Kapelle die Bischofsweihe unter Verleihung des Titels eines Erzbischof von Sardes. …. Unter den Klängen des Tedeums umarmte Benedikt den neuen Bischof der Kirche – er gab dem Manne seines Vertrauens den Friedenskuß, auf daß er über die Alpen reise als Nuntius, als Bote des Friedens, denn seine Mission war nach dem Auftrage des Papstes eine Friedensmission inmitten des unvorstellbaren Kriegsleides. […]

Einschub der Autorin: Der Wahlspruch des frisch geweihten Bischofs und Nuntius lautete: Opus Justitiae Pax (dt. Das Werk der Gerechtigkeit ist der Frieden).

[…] Der Nuntius brach sogleich ins Reich der Deutschen auf. Am 25. Mai des Kriegsjahres 1917 traf er in München ein, und am 28. Mai überreichte er in feierlicher Antrittsaudienz König Ludwig sein Beglaubigungsschreiben […]. Im folgenden Monat verhandelte der Nuntius in Berlin mit dem Reichskanzler um Friedensmöglichkeiten, und unmittelbar darauf überreichte er im Großen Hauptquartier zu Kreuznach dem Kaiser ein päpstliches Handschreiben in demselben großen Anliegen.

Am 1. August 1917 erließ Benedikt XV. dann seine berühmte Friedensbotschaft; in Deutschland führte der Münchner Nuntius die mit dem päpstlichen Friedensschritt gegebenen Verhandlungen, wie bekannt […].“

Im Jahr 1917 besuchte Nuntius Pacelli eine bayerische Festung, in der etwa 300 französische Offiziere als Kriegsgefangene gehalten wurden. Einer von ihnen veröffentlichte folgende Erinnerung im Büchlein „Von Pius XI. zu Pius XII.“:

„Es war im Jahre 1917, in jenen für uns Gefangene so düsteren und schmerzvollen Tagen. Der Krieg zog sich in die Länge. Die Niederlagen der Entente an verschiedenen Fronten zerstörten unsere Hoffnungen auf ein baldiges Ende des Kampfes. Die Tage flossen eintönig, schwer und traurig dahin. Da kündete man uns den Besuch des Vertreters des Heiligen Vaters in München an. Die Nachricht wurde verschieden aufgenommen: die vorkrieglichen, antikleralen Leidenschaften, die an der Front ganz verschwunden waren, machten sich noch in den Gefangenenlagern bemerkbar. Einige hielten den Besuch für ungelegen, einige für taktlos. Wenige Tage darauf führte man uns in eine der Kasematten des Forts. Obwohl keinerlei Zwang bestand, waren alle mitgekommen, teils von dem Wunsch getrieben, den Vertreter des Heiligen Vaters zu sehen, teils aus Neugier. Er trat ein, begleitet von dem Platzkommandanten, ein ganz in Schwarz gekleideter Priester. Die Unterhaltung der Gefangenen verstummte plötzlich; ehrfurchtsvolles Schweigen hüllte den Nuntius Monsignore Pacelli ein. Er brach es rasch, und in tadellosem Französisch richtete er eine kurze Ansprache an uns, indem er in eindringlichen Worten an den Geist der christlichen Liebe und an die Tugend der Geduld appellierte; ganz schlichte Worte, aber erfüllt von zartfühlendster, ergreifender Güte und Barmherzigkeit. Als er geendet hatte, brachen Beifallsbezeugungen aus – einstimmig!“

Wie schon zuvor erwähnt, lernten sich Eugenio Pacelli und Konrad Graf von Preysing im Zuge ihres Wirkens für die Katholische Kirche im Jahr 1917 in München kennen. Konrad Graf von Preysing war damals Sekretär des Kardinal-Erzbischofs von München und Freising, Franziskus von Bettinger.

Kardinal-Erzbischof Franziskus von Bettinger starb am 12. April 1917 in seinem Münchner Palais an einem plötzlichen Herztod. In Wikipedia heißt es dazu:

„Er hatte am Morgen die Heilige Messe gelesen, machte dann einen Besuch bei dem todkranken Apostolischen Nuntius Giuseppe Aversa, von wo er sichtlich erschüttert zurückgekehrt sei. Um 10 Uhr gab er noch eine Audienz. Gegen 11 Uhr fand der Hausdiener den Kardinal regungslos vor seinem Lehnstuhl auf dem Boden liegen. Der schnell herbeigerufene Sekretär Graf Konrad von Preysing (der spätere Kardinal-Bischof von Berlin) spendete ihm rasch die Krankensalbung. Ein inzwischen erschienener Arzt konnte nur noch den schon eingetretenen Tod feststellen. Sein Nachfolger wurde der damalige Speyerer Bischof Michael von Faulhaber.“

Aus der anfänglichen Begegnung von Eugenio Pacelli und Konrad Graf von Preysing entwickelte sich eine enge und lebenslange Freundschaft, die auch nach der Papstwahl von Pacelli im Jahre 1939 nicht endete, sondern bis zum 21.12.1950, dem Todestag von Konrad, dauerte.

In meinem 100-seitigen Büchlein „Albert Graf von Preysing – Stadtpfarrer und Stiftspropst von St. Martin zu Landshut, 1926 – 1946“, erschienen 1990 im Eigenverlag mit Subvention der Erzbischöflichen Finanzkammer München, schrieb ich zum Jahr 1939, konkret zur Wahl von Eugenio Pacelli zum neuen Papst Pius XII.:

„Am 10. Februar des Jahres 1939 starb Papst Pius XI. „Ein großartiger Mann ist von uns gegangen“, sprach Albert anlässlich der Totenfeier in der Martinskirche zu der großen Zahl von Gläubigen. Am 2. März verkündeten Ätherwellen die frohe Botschaft: „Habemus Papam – Eugenio Pacelli – Pius XII.“!

Albert vernahm diese Nachricht mit freudiger Überraschung, kannte er doch Eugenio Pacelli persönlich aus seiner Münchener Zeit. Auch Konrad in Berlin war tief bewegt über diese Wahl, denn er und Pacelli waren seit vielen Jahren gute Freunde. Begonnen hatte die Freundschaft der beiden, als Eugenio Pacelli im Jahre 1917 zum Apostolischen Nuntius in München berufen wurde und er damals Konrad, den Sekretär des 1917 verstorbenen Kardinals Franziskus von Bettinger, zur gelegentlichen Mitarbeit in der Nuntiatur heranzog. Pacelli hatte – im Jahre 1920 – Konrad auch zu seinem Reisebegleiter erwählt, wo er dem damaligen Reichspräsidenten Ebert sein Beglaubigungsschreiben als Nuntius beim Deutschen Reich überreichte […].“

Zeitensprung ins Jahr 2017.
Was uns heute so fern und fremd erscheint, die Zeit um 1917, war einmal die Zeit, in der „die Musik spielte“, um bei dem zuvor erwähnten alten Sprichwort zu bleiben. Und wie wird es einmal mit dem Jahr 2117 sein, wenn unsere Nachfahren, die 100 Jahre später leben, zurückblicken? Werden sie dann auch sagen: „Was für eine altmodische und verstaubte Zeit das doch war – damals 2017!“ und sich von ihren Autorobotern chauffieren lassen und über ihren Mentalchip miteinander kommunizieren?

Nuntius Pacelli und Msgr. Konrad Graf von Preysing vor der St.-Hedwigs-Kathedrale in Berlin, anlässlich der Überreichung des Beglaubigungsschreibens beim Reichspräsidenten am 30. Juni 1920 (Quelle wie Bild zuvor)